Querdenken
Editorial Martin Köchli Querdenken Man mag sie ja gemeinhin nicht besonders, die Querdenker. Sie sind noch bald als Querulanten abgestempelt, als Miesepeter, die überall nur das Negative sehen. Und in der Tat, wenn Querdenken nur Selbstzweck ist, nur Verhinderungsstrategie und vielleicht auch Profilierungsgehabe ist, dann ist der Nutzen des Querdenkens nicht allzu gross. Wiewohl es manchmal weiss Gott nötig war und ist, dass man sich querstellt, wenn Unvernünftiges sich breit machen will. Nicht nur, wenn Nordkorea an Atombomben herumbastelt. Auch wenn Gentechnologie als Wundermittel gegen den Welthunger angepriesen wird. Und bei vielem mehr.
Zurzeit sind wir ja aber wieder mal mit Überproduktionen beschäftigt und es scheint, nicht nur bei der Milch. Bei fast allen Nahrungsmitteln sorgt ein enormer Angebotsdruck für unmenschliche Zustände in den Produktionsgebieten und für marktschreierischen Preiskampf, wenns ums Vermarkten geht. Dabei könnten sich die Menschen durchaus gesund und vernünftig ernähren, wenn sie denn nur richtig informiert wären. Da bräuchte es die andere Art des Querdenkens, dieses «Hinüberdenken», das ein gesundes Überlegen erst möglich macht.
2 > Kultur und Politik 2>09 Denn es scheint nicht, dass das Durchsetzender je eigenen Position wirkliche Erfolge und Lösungen bringt. Im Gegenteil, das wöchentlich an unzähligen Sportveranstaltungen zelebrierte Prinzip «Der Erfolg des Gegners ist mit allen Tricks und Mitteln zu verhindern», scheint immer mehr unser Wirtschafts- und Gesellschaftsleben zu prägen und zu bestimmen und damit viel mehr menschliche und natürliche Ressourcen zu verschwenden und zu verhindern, als wirklich freizusetzen.
«Diese Welt hat genug für jedes Menschen Bedürfnis, aber nicht für jedes Menschen Gier», sagte Mahatma Gandhi, und auch unser christliches Prinzip, dass man «einander kennt, einander magund einander hilft», würde eigentlich den Weg freilegen für ein bedürfnisgerechtes Wirtschaften anstelle des kläglich gescheiterten Prinzips des «freien» Wettbewerbs, der im Grunde nur einige wenige Gewinner kennt und Heerscharen von Verlierern.
Auch diese Ausgabe von «Kultur und Politik» befasst sich einmal mehr mit der Sicht der Verlierer. Sei es der Boden, die Pflanzen, die Tiere, der Mensch. Und sie will eine andere Sichtwei¬ se vermitteln, ein Quer-(hinüber-)denken, das uns allen Gewinn bringen kann. Da, wo wir aus Gewohnheitsmustern ausbrechend, Welt und Gesellschaft immer wieder neu zu denken und zu gestalten wagen. Wenn auch nur in Ansätzen, so doch auch in der Gewissheit, dass die Summe des Bedeutungslosen oft enorm ist.
Ich wünsche Ihnen erholsames Lesen und Lernen!
Martin Köchli