I bin jo koa richtige Bäuerin ...
Eigentlich dachteich, mit diesem Thema endlich fertig zu sein. Aber jetzt muss ich mich doch von neuem damit auseinandersetzen. Diese Frage, ob ich «a richtige Bäuerin» bin stelle ich mir, seit ich einen Bauern geheiratet habe und somit auf einem Bauernhof lebe und arbeite, immer wieder. Und jedesmal sieht die Antwort etwas anders aus. Denn, zwischen «auf einem Bauernhof arbeiten» und «eine richtige Bäuerin sein» tun sich für mich Abgrunde auf. Mein Bild einer Bäuerin setzt sich zusammen aus meinen Erinnerungen an die Kindheit im Innviertel, wo ich, umgeben von einigen Vierkanthofburgen, aufgewachsen bin, und Erzählungen aus meiner Eltern, die selbst als Bauern begonnen hatten, und einer durchwegs bäuerlichen Verwandtschaft.
Sie waren und sind immer in Eile Dazu gesellen sich die Erfahrungen, die ich als angeheiratete Bäuerin gemacht habe - machen musste. Im Innviertel waren die Höfe für mich wie Festungen. Unsere Nachbarskinder durften den Innenhof nicht unnötig verlassen, um nicht mit dem «Schlechten» und «Bösen» dieser Welt in Berührung zu kommen. Die Bäuerinnen haben wir nicht oft gesehen, und wenn, dann am Traktor oder im Feld oder wenn sie sonntagsfrüh schnell zur Morgenmesse huschten und genauso schnell auch wieder nach Hause. Kontakte zu den Frauen waren schwer sie zu knüpfen, waren immer in Eile. Die (sind) grosse Verantwortung schien sie zu erdrücken, und über was sollten sie schon mit «Nicht-Bauern» reden? Über, besser, von sich - keinesfalls. Auch bei meinen Ver¬ wandten konnte ich sehen, dass sie nur Freundschaften innerhalb der Familie pflegten und fest darauf bedacht waren, nichts nach aussen dringen zu lassen.
Ich lernte die Frauen als aufopfernd, arbeitsam, verschlossen und streng katholisch kennen. Die Verantwortung, die sie tragen mussten und die Abgeschlossenheit, in der die Frauen lebten, machten sie verbittert.
So sei eben eine ordentliche, eine brave, eine richtige Bäuerin, hiess es. Unser Bauernhof liegt in den Bergen, ineinem vom Tourismus geprägten Dorf. Hier lernte ich eine andere Bäuerin kennen, eine stolzere. Ob sie durch das Leben in den oder durch den Bergen Fremdenverkehr ein anderes Auftreten hat, ist eine andere Frage. Von hier kenne ich die Bäuerinnen, die sich in Trachtengruppen zusammenschliessen, um dort ihre Trachten gleich Uniformen anzulegen und hinter dem Kameradschaftsbund herzumarschieren. Mit der Fahne an der Spitze wirken sie, als zögen sie in einen Kampf, und sie kämpfen auch wirklich. Um die Tradition, die Moral, den Anstand, um den Glauben die Kirche, die Volksmusik an und nicht zuletzt um die Gäste.
Wer nicht mitmacht, der gehört nicht dazu. Beide Bilder, die ich so stark mit dem Bäuerinsein verknüpfe, schrecken mich. Und besonders die «richtige Bäuerin», welche Vermarktung ab Hof verhilft zu vielen Kontakten zur nichtbäuerlichen Bevölkerung. Solche Bäuerinnen sind in die Dorfgemeinschaft voll integriert.
sich die ihr Rolle zugedachte überstülpen lässt und damit so viel ihrer persönlichen Freiheit einbüsst, möchte ich nicht sein. Denn wer sagt uns eigentlich, wie wir sein sollten? Als ich auf den Bauernhof zog, verlor ich für viele meinen Namen. Von da an hiess ich auch «d'Bäuerin». Die Jüngeren nannten mich zynisch so, die älteren mit einem Unterton, der wohl besagen sollte:
«Du weisst ja, was das Bäuerinsein für Pflichten mit sich bringt.» Mein Mann, die Verwandtschaft und nicht zuletzt der vermeintliche Druck dem Dorf lehrten aus mir neben den bäuerlichen Arbeiten, wie Melken und Heuen, auch gleich das Verhaltensmuster für Bäuerinnen. Da meine Anpassungsfähigkeit nicht sehr gut ist, mein Leben auf dem war Bauernhof mit einem gleichzeitigen Rückzug aus dem dörflichen Leben verbunden. So konnte ich mich Anfeindungen entziehen und meinem Mann viel «Schande» ersparen.
...und leise Rufe... So lebte ich lange Zeit in Erde, Mist und Windeln versteckt, bis ich endlich wieder so weit zu mir zurückgefunden hatte, um die Rufe der «anderen Bäuerinnen» leisen zu hören.
Angela Schwaiger, Bergbäuerin in Salzburg Aus: DIE BERGBAUERN 169/12.92