Gegen den Gang der Welt gerufen
und Adler», k+p publizierte in Heft 4/05 ein Kapitel als Vorabdruck. Ernst Därendinger hat es wie seinen legendären Erstling «Der Engerling» zusammen mit dem Berner Schriftsteller Werner Wüthrich erarbeitet. Ihn bat k+p jetzt um eine Würdigung. Worte gegen das Vergessen.
Ernst Därendinger wusste zu viel, um nicht zu schreiben. Er hatte Einsicht erhalten und genommen in die Welt. In die Welt der Agrarkonzerne, der eidgenössischen Landwirtschaftspolitik und - als Bauer und Philosoph wie er von den Medien der deutschen und welschen Schweiz oft bezeichnet wurde - immer auch darüber hinaus. Er brachte stets neue Impulse in festgefahrene politische Debatten. Er regte dabei - und seine Bücher legen davon ein deutliches Zeugnis ab - zu einem Innehalten und Nachdenken an, auch zu einem anderen Selbstverständnis der heutigen Bauernfamilien, mehr noch: zu einer anderen Optik in Agrarpolitik der globalisierten Welt. Er und seine Familie begriffen als eine der ersten in unserem Land die direkten Zusammenhänge zwischen Am 17. Mai ist derBauer und Schriftsteller Ernst Därendinger mit 86 Jahren gestorben. Für seinen Freund dem Überlebenskampf der armen und schreibenden Begleiter Werner Wüthrich wusste Därendinger zuviel, um nicht zu schreiben.
Landbevölkerung der Länder der Dritten und der Vierten Welt - als gar keine andere Wahl, betonte er Beispiele seien die Hungersnöte stets mit leiser, überzeugender in Afrika oder eine hohe Stimme, als gegen den Gang der Selbstmordrate unter indischen Welt zu rufen und Protest einzulegen. Kleinbauern genannt1 - und den exis- Neben Auftritten in tenziellen Problemen vor und hinter Versammlungen, Stellungnahmen vor der eigenen Stalltüre2. der Kamera, Artikeln in Ernst Därendinger, Fachzeitungen begann er die Dinge erwacht aus seiner zugewiesenen aufzuschreiben. So wurde ihm Rolle als Staatsbürger und Bauer Schreiben, aus einer persönlichen und wachsam geworden, musste Not zunächst, zu einer Waffe. Er sich zu Wort melden. Jetzt habe er führte nicht den Zweihänder, son1 Ernst Därendinger unterstützt zur Zeit des Krieges in Biafra notleidende Kinder. Zur «hohen Selbstmordrate» vergleiche «Indiens vernachlässigte Landwirtschaft. Die Bauern sind auf die Globalisierung schlecht vorbereitet.» In: NZZ, Zürich, Nr. 134 vom 13.06.2006. 2 Der Text «Die Fischer von Tunesien» ist erstmals erschienen in: Werner Wüthrich, Vom Land; Sie finden ihn auf Seite20 dieser k+p-Ausgabe.
dern war geschult an den besten Autoren unseres Landes. Ernst Därendinger verstand es, wie es kaum ein Schriftsteller vermocht hätte, Erfahrungen und Einsichten, in eine prägnante Sprache und einprägende Bilder zu fassen. Gleichzeitig begriff der Landwirt und Bauer sich nicht als Autor oder gar Schriftsteller. Er bemerkte dann lediglich, wenn auch begleitet von seinem charmanten Lächeln und mit dem Schalk in den Augen, er schreibe ja bloss auf, was er als Bauer Tag für Tag auf seinem Hof erlebe und was ihm bei den Arbeiten in Feld und Stall halt so alles durch den Kopf gehe. Und fragte man nach den Beweggründen, wa¬ ren es Wut und Empörung gegenüber einer sich selbst zerstörenden Profitgesellschaft. Ernst Därendinger, auch geprägt von den Schriften eines Teilhard de Chardin, war besonnen.
Angesägter Ast Sein Optimismus war beinahe sprichwörtlich. Um sein Engagement für eine lebenswerte Zukunft auf dem Planet Erde darzustellen, diente ihm hin und wieder das Bild von einem bereits angesägten Ast, auf dem wir alle, ob Arm oder Reich, sitzen und Glück und Halt finden möchten. Nicht blinden Aktivismus, Angst oder if kultur und politik Seite 20 gar sektiererische Panik waren ihm eigen. Der Autor der zeitgenössischen Bauernbiographie «DerEngerling» strahlte Gelassenheit aus. Seine Haltung war bestimmt durch Zuversicht und einen tiefen Glauben. Ernst Därendinger selber würde sagen, durch viele Gespräche, durch aufmerksames Lesen und Beobachten sei er langsam wissend geworden. Selbst den grössten Freveltaten an der Natur (also an der Zukunft von uns Menschen) gestand er, die Formulierung «vom Sinn des Unsinns» gebrauchend, in der Weise ein aufklärerisches Moment zu, da diese Untaten mehr und mehr Augen öffnen würden.
Millionär über Nacht ErnstDärendinger hatte in den sechziger Jahren, als er durch die Bodenspekulation in Meyrin bei Genf den Hof «La Golette» verkaufen und aufgeben musste - anders als viele der Glücklichen - des Genfersee - wie ihm gelegentlich dem Genfersee, die ihr langsames Auch im letzten Buch, zu nahe gelegt wurde - Enten Einstummen von Klein auf lernen seiner Freude im Oktober und Schwäne zu füttern. Schreiben mussten, um schliesslich als so vergangenen Jahres noch erschienen, wurde im Alter zunehmend genannte mündige Bürger und suchte Ernst Därendinger die wichtiger, seine Aufzeichnungen Berufskollegen den stummen Leserin und den Leser als Partner sind jetzt ein Teil seines erfüllten Blick des Rindviehs anzunehmen. gegen das Einstummen. Die Lebens geworden. Immer wieder hatte Ernst Därendinger Novelle «Zaunkönig und Adler» dieses Verstummen vor ist nicht nur ein persönlicher Den Stummen Augen. Wie oft dachte er beim Bericht, in dem ein Ich-Erzähler Stimme Schreiben an den Tod eines seine Vorstellungen von Glück geben Angestellten seiner Jugendzeit, der auf und Liebe, seine Haltung zur ErnstDärendinger betonte dem elterlichen Hof in Waldhaus Natur und zum Glauben, von seiner oft bei unseren Arbeitsgesprächen gelebt hatte. «Mir soll es nicht Jugendzeit, der ersten Liebe am «Engerling» und der ergehen wie dem alten Christian, und den weiteren einschneidenden Fortsetzungsgeschichte, dem unserem Knecht», berichtete mir Erlebnissen erzählt, seine «Maikäfer», dass viele Menschen, auch einmal der Autor der Novelle Erzählung mit Tiefgang stellt auch Bäuerinnen und Bauern, trotz «Zaunkönig und Adler». Deshalb Fragen. Mit ihr hatte Ernst Därendinger politischer Rechte, trotz Wahl- und habe er sich «beizeiten ans auch eine Aufgabe Stimmrechte, noch immer keine Aufschreiben von all dem gemacht, gefunden, die er am Schluss der Stimme hätten. Er erinnerte sich was ich als Zaunkönig von des Novelle auf den Punkt bringt: gern an jene Bekannten aus der Adlers Rücken aus gesehen» «Schreien, schreien! Schreiben, Gotthelf-Gegend um Lützelflüh, habe. Es sei dies, fuhr Ernst aufschreiben und das Terrain für wo Ernst Därendinger 1921 geboren Därendinger fort, einfach zu viel die Zukunft vorbereiten.» wurde, wie aus den Nachbardörfern gewesen, um es - ungesagt - wie Werner Wüthrich auf den Anhöhen über Christian mit sich mitzunehmen.
auf den sprichwörtlichen Die Fischer von Tunesien Mercedes verzichtet. Seine Fragen, als er über Nacht Millionär geworden, woher der Geldsegen komme, verunmöglichte ihm fortan ein Dasein in den vertrauten, bisherigen bäuerlichen Denkmustern. Das plötzliche Hans-im-GlückDasein ohne materielle Sorgen bis hin zum geruhsamen Lebensabend warf ihn damals - mehr als ihm lieb war - aus der Bahn. Ernst Därendinger, unterstützt durch seine Familie und viele Mitstreiter, aber vor allem durch seine Frau Le, begriff in der Folge Schritt um Schritt, dass der Reichtum der Natur in diametralem Gegensatz zu Dollar, Euro oder Schweizerfranken steht. Und auch seine eigenen Wertvorstellungen waren fortan von einer anderen Währung. Zum Beispiel verzichtete Ernst Därendinger, nachdem er den Hof Joulens seinem Sohn übergeben hatte, nicht ungern auf den geruhsamen Lebensabend. Er fuhr nur an einzelnen Sonnentagen ins nahe Städtchen Morges, um an den schönen Uferwegen In den ersten Jahren, alsich das Heimet übernahm, mästeten wir unsere Schweinenoch vorwiegend mit Magermilch. Wir bekamen sie von der Verbandsmolkerei. Dort zog man den Rahm aus der Milch, um Butter zu machen. Was übrig blieb, die Magermilch, wie man sagt, holten wir täglich mit ein paar Milchkannen auf dem Traktor zurück. Doch mit der Zeit gab mir das Kannenwasc hen und Milchholen in der Stadt zu viel Arbeit, und wir gaben den Schweinen anstelle der Magermilch importiertes Fischmehl.
Da erhielt ich einmal Gelegenheit, fort zu gehen. Meine Frau und ich machten eine Reise nach Tunesien. Wir beobachteten dort am Strand die Fischer. Etwa zwanzig Männer zogen ein Riesennetz an Land. Aber es hatte fast keine Fische drin. Bestürzt fragte ich einen der Araber, ob sie denn von dem mageren Fang alle leben könnten? Da erzählten uns die Fischer von ihrer Abmachung. Der Besitzer des Netzes erhalte die Hälfte. Die andere Hälfte der gefangenen Fische würden sie unter sich aufteilen. Auf diese Weise habe derjenige, dem das Netz gehöre, schon das Leben. Aber für jeden der andern würden nur wenige Fische abfallen. Wir blickten auf das weite Meer hinaus, und unsere Bestürzung verstärkte sich noch. Wir sahen, unter fremder Flagge schwimmend, einen Riesenkahn. Auch auf Fischfang. Da musste ich unwillkürlich an all das Fischmehl denken, das wir zuhause den Schweinen verfütterten. Dieses modern ausgerüstete Ozeanschiff plündert die Weltmeere aus, schnappt mit seiner Grösse und Technik den tunesischen Fischern Nahrung und Lohn vor der Nase weg, damit wir speziell preisgünstiges Schweinefutter kaufen können. Ist das nicht Wahnsinn? Des reinen Profites wegen entziehen ein paar Raubvögel aus technisch hoch entwickelten Ländern tausenden von Menschen die Existenz. Und wir wissen oft nicht mehr wohin mit unserer überschüssigen Milch. Exportieren sie womöglich als Babynahrung nach Tunesien. Oder schicken zuallerletzt noch Milchpulver gratis, als Entwicklungshilfe, damit diese Leute und ihre Familien nicht verhungern. Angesichts der tunesischen Fischer begriffen nun meine Frau und ich etwas von der gesamten, weltweit verschachtelten Ausbeutung und dem Widerstand dieser Menschen.
Dieser Text ist erschienen in: Werner Wüthrich, Vom Land, Unionsverlag, Zürich 1979