Er schenkt den Müden neue Kraft
Eine tröstliche Feststellung des großen Gottesmannes des alten Bundes, Jesajas. Die Müdigkeit war offenbar auch schon in jenen fernen Zeiten eine alltägliche Erscheinung, daß der Prophet mit ihr sich auseinandersetzen mußte. Wie viel mehr ist sie es in unseren Tagen! In den Tagen der Manager-Krankheit, des Herzinfarkts, des Krebstodes, des Elektronenhirns! Nicht mehr sechs Tage wird am Fließband gearbeitet sondern fünf. Aber in diesen fünf Tagen ist die Arbeit ein nervenaufreibendes Hetzen geworden. Das Soll muß auch in der freien Wirtschaft erfüllt werden. Wollen die Nerven, will der Kopf nicht mitmachen, dann hält ja heute sogar der Kiosk, nicht nur die Apotheke, die Tabletten für die müden Menschen bereit. «Abgeschlagen» und müde kehren sie aus ihrem Wochenende, aus ihren Ferien am Meer in ihre Arbeit zurück. Ein seltenes Exemplar, das am Montag froh an der Werkbank oder hinter dem Ladentisch seine Arbeit wieder aufnimmt. Schmerzende Rücken, Bandscheibengeschichten sind für allzuviele ständige Begleiter geworden — die Flucht zur Spritze, der teuerste und schlechteste Weg, die Schmerzen wenigstens vorübergehend los zu werden. Von diesen modernen Mitteln, Müdigkeit und Schmerz zu meistern, hat allerdings der Prophet noch nichts gewußt. Ganz anderer Art sind die Ursachen der Müdigkeit der Menschen, die trotz des Rennens und Jagens nach Geld und Besitz, das ein Zeichen unserer Zeit geworden ist, der bäuerlichen Arbeit die Treue gehalten haben. In allzu vielen Betrieben nehmen heute die Frauen zu ihrer ohnehin nicht leichten Bürde, ein gutes Stück weit die Arbeit der fremden Arbeitskräfte auf sich. Sie greifen mit an, ohne Rücksicht auf ihren körperlichen Zustand und ihre Kräfte bei der Arbeit, sei es drinnen im Stall, draußen auf Feldern und Aeckern. Wie viele waren auch diesen Winter bei der Arbeit sogar in den Wäldern mit dabei. Und wenn die Männer nach schwerer Tagesarbeit zeitig zur Ruhe gehen, beginnt für gar manche Mutter von neuem die Arbeit; und wäre es nur die Sorge, daß die Kinder am Morgen mit ganzen Kleidern und Strümpfen zur Schule gehen können. Wer frägt danach, wenn die Schmerzen in den Armen, im Rücken den Schlaf bis tief in die Nacht hinein nicht finden lassen Müde Körper sind die Begleiter im neuen Tagewerk. — Und bei einer solchen Verfassung der Menschen eines nicht kleinen Teils der bäuerlichen Bevölkerung wird die Forderung der Rationalisierung der Bauernarbeit heute zur Schicksalsforderung! Wer will bestreiten, daß diese geschilderten Verhältnisse gerade auf eine Schicht des Bauernvolkes zutreffen, in der die Forderung nach der Rationalisierung von Arbeit und Betrieb am dringendsten wäre. Voraussetzung dafür ist geistige Aufgeschlossenheit der bäuerlichen Menschen. Wer dürfte denen, die ein Uebermaß an Tagesarbeit gemeistert haben, am Abend noch die Kräfte zutrauen zu geistiger Weiterbildung! Keine Frage, die hier geschilderten Verhältnisse sind von schicksalshafter Bedeutung für die Zukunft des Bauerntums. Sie sind eine der entscheidenden Ursachen der Landflucht, ganz besonders der jungen bäuerlichen Generation. Niemand, der um die wirklichen Verhältnisse weiß und sie aus eigenem Miterleben kennt, wird zu behaupten wagen, wir sähen die Dinge durch eine zu schwarze Brille. Wer sich mit uns über das Schicksal und die Zukunft gerade dieses Teils der bäuerlichen Menschen mitverantwortlich fühlt — dies nicht nur um dieser selbst willen, sondern ebensosehr als staatspolitisches Problem — der versteht unseren Kampf für diese Frauen und Männer gegen die Müdigkeit. Von hier aus ist unsere Arbeit für die organisch-biologische Wirtschaftsweise zuerst zu vertehen als die Sorge um die Gesundheit der Menschen und Tiere — die ein großes Stück weit ihren Sitz im Boden hat. Wie schreibt doch der Pariser Tierarzt, Prof. Dr. Voisin, in seinem Buche «Boden und Pflanze» : «Man muß den Boden heilen, um nicht die Krankheit der Tiere und Menschen kurieren zu müssen.» Nur wer um diese Dinge weiß, versteht die Arbeit unserer Hausmutterschule für eine neuzeitliche Ernährung im Bauernhause. Nur von hier aus ist auch unser immer zuversichtlicherer Einsatz für die Strath-Therapie für Menschen und Tiere zu verstehen. Die Erfahrung vieler Jahre in Hunderten und Aberhunderten von Bauernfamilien haben uns den Beweis dafür erbracht, welche Hilfe uns durch die Arbeit auf diesen Gebieten in unserem Kampfe gegen die Müdigkeit geschenkt wird.
Und doch hat Prof. Gollwitzer recht, wenn er von der Geschichte des durch Christus geheilten Gelähmten ausgehend behauptet, daß bei aller menschlichen Hilfe die Heilung des inwendigen Menschen doch das Entscheidende sei. Von da aus erweist sich auch die Wahrheit des Wortes des Propheten, das unserer Arbeit für die Menschen, die in der Müdigkeit zu versinken drohen, Ziel und Richtung gibt: «Er schenkt den Müden neue Kraft.» Wer dies an sich selbst und an ihm lieben Menschen erfahren hat, ermißt die Tragik, daß die Zahl namentlich der jungen bäuerlichen Menschen, die ohne die Zuversicht, die dieser Glaube schenkt, an den Lebensaufbau geht, in diesen Zeiten immer größer wird. Von hier aus ist aber auch zu verstehen, weshalb die erste Nummer auch des 21. Jahrganges unserer «Vierteljahrsschrift für Kultur und Politik» aus letzter Verpflichtung heraus der Ueberzeugung Ausdruck gibt, entscheidende Hilfe werde den Müden doch von der Heilung und Erstarkung des inwendigen Menschen gebracht werden. Wir haben ein Leben für das Schaffen gerechterer äußerer Verhältnisse und Hilfen eingesetzt, die eine Voraussetzung bilden zur erfolgreichen Heilung des inwendigen Menschen. Nur Übelwollende könnten uns deshalb vorwerfen, mit dem Hinweis auf die entscheidende Bedeutung der geistigen und seelischen Hilfe im Kampf gegen die Müdigkeit, entschlügen wir uns des Einsatzes für das Schaffen der äußeren Voraussetzungen in diesem Ringen. Keine Antibiotika, keine Hormone können ersetzen und gutmachen, was der Bauer an pfleglicher Umsorgung seiner Tiere, in der Pflege seiner Saaten hat fehlen lassen. Deshalb ist er wohl vielleicht ein gescheiter Landwirtschaftstechniker, aber sicher kein Bauer mehr, der sich nicht mehr als Handlanger dessen weiß, der den Müden neue Kraft schenkt.