Ein Geburtstagsgruss aus Österreich
Ein Geburtstagsgruß aus Österreich Liebe, verehrte Frau Dr. Müller!
Erst ein paar Monate ist es her, daß ich zum letztenmal von Bern her kommend das vertraute Haus auf dem Möschberg wieder auftauchen sah. Ein jedesmal mit freudiger Erwartung gesuchtes Bild: Das hochgieblige, dunkel von der Sonne gebeizte Haus, das das Gefühl vertrauter Geborgenheit weckte, das weltoffen und zukunftssicher über die grünen Hügel des Berner Landes bis zu den fernen Gletscherbergen im Süden hinwegschaute! Ein fester, in der eigenen Kraft ruhender Pol im Vorübergleiten so vieler Orte und Landschaften im Erleben der letzten Jahrzehnte! Die erste persönliche Begegnung vor mehr als zwanzig Jahren stand wieder vor meiner Erinnerung: Mit Dr. Müller, meinem verehrten Förderer und Freund, der mir seither soviel Rat und Wegweisung wie sonst keiner gab, stieg ich voll Erwartung den Möschberg hinan. Damals, verehrte Frau Doktor, durfte ich Ihnen zum ersten mal mitten in Ihrem Wirkungsreich begegnen. Ich lernte die Hausmutterschule mitten im Kursjahr kennen, von der modernen Säuglingspflege über die Küchen- und Haushaltsführung bis zur neuzeitlichen Gartenbewirtschaftung auf der Grundlage der biologischen Erkenntnisse unserer Zeit. Aber erst als ich im Kreis der Schülerinnen zu einem kurzen Vortrag weilen durfte, ging es mir auf, welche Strahlungskraft dieser Ort für die jungen Menschen besaß. Die Lebensschulung stand als krönendes Ziel vor allen Ihren fachlichen Lehren und Bemühungen! Wieviele hundert junger Bauersfrauen sind seither dankbare Zeugen Ihres Lebenswerks geworden! Seither durfte ich den Möschberg noch oft besuchen. Näherstehende als ich werden besser von Ihrer täglichen Kleinarbeit jahraus, jahrein berichten können. Darf aber dafür ich Verkünder sein von der Fernwirkung Ihres Lebenswerks über die Grenzen der Schweiz nach Oesterreich, Deutschland, ja bis Finnland und Israel! Ungezählte Erkenntnisse neuer Lebenshaltung durch gesunde Ernährung fanden dort überall fruchtbaren Boden und wirken fort. Sie sind auch die erste und wichtigste Gefährtin und Mithelferin Ihres Mannes bei der — man darf es heute schon so bezeichnen — länderweit wirkenden Verbreitung der organisch-biologischen Wirtschaftsweise des Landbaues geworden. Sie setzten als Erste die Forschungen und Erkenntnisse Dr. Müllers und seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter in Tat und Erfahrung um. Ihre stille Erprobung alles neu Erkannten. Ihre Einsicht und Ihr Ansporn waren Ihr Anteil an der Fundierung des Gemeinschaftswerkes der Bauern-Fleimatbewegung. Das sei mein Geburtstagsgruß aus der Ferne im Kreise der Gratulanten! Ihr Lebenswerk trägt den Segen, der aller Arbeit für das Gute geschenkt wird. Und Gottes Segen wünsche ich Ihnen von Herzen für die Aufgaben der kommenden Jahre! Franz Braumann