Die "Lebenskraft" im Wandel der Vorstellungen
Wissenschaft Die «Lebenskraft» im Wandel der Vorstellungen Das Leben, auch das menschliche, sei von besonderen Kräften bewirkt, die dem Mineralischen nicht eigen seien. Diese Überzeugung ist im Biolandbau weit verbreitet. Auch deshalb komme es auf «lebendigen» statt «toten» Dünger und auf schonende Lebensmittelverarbeitung an, für manche auch auf einen möglichst hohen Rohkostanteil im Essen.
Nikola Patzel. Demeter wirbt mit besonderen kulturellen «Entseelung» der Welt und ihrer sie zuletzt in die Kohlensäure flüchteten, woraus «Vitalkräften» seiner Produkte und schreibt Wesen bei, was unser Verhalten gegenüberder sie die Pflanzen dann wiedergewännen. in seinem Schweizer Prospekt mit Anspielung Natur sehr beeinflusst hat. Im Gegensatz zu Die «Lebensatome» werden hier als unsichtbare auf bildgebende Methoden: «Die Fülle von diesem damals sogenannten Mechanismus in Begleiter der chemischen Elemente Lebenskraft, die Lebensmitteln innewohnt, der Naturwissenschaft wurde von anderen gedacht. Eine Pflanze, die nur über wenige lässt sich messen.» Claus Holler von Bio Austria Philosophen eine Unabhängigkeit der vis Vitalis, Lebensatome verfüge, die sie «vielleicht auch spricht von «feinstofflichen Einflüssen» der «Lebenskraft», von jeder blossen durch Licht, Wärme und Elektricität» der Lebensmittel auf die Menschen. Und beim Stofflichkeit behauptet: dass nämlich eigentlich sie, aufgenommen habe, wachse langsam; «empfangt sie diesjährigen Möschberg-Gespräch äusserte der die Lebenskraft, die Herrin des Stoffes sei. Die aber einen Ueberschuss an Leben, dann werden Referent Dr. Rau, Chefarzt der Paracelsus- Philosophen der Lebenskraft wurden von ihren die von den Wurzeln ihr zugeführten Klinik, dass er an solche Kräfte und Wirkungen Gegnern erst verächtlich «Vitalisten» genannt, unorganischen Säfte sehr schnell eine Assimilation glaube. Dies wurde von vielen Anwesenden bis sie diesen Namen selber annahmen und oder Belebung erfahren.» Die Pflanze als Bestätigung ihrer Überzeugung be- ihrer Schule schliesslich im 19. Jahrhundert könne dann also Nährstoffe besser aufnehmen grüsst. den Namen «Vitalismus» gaben.3 (Sprengel 1830: 176). Das von Liebig in der Düngelehre verbreitete Gesetz des Minimums Lebenskräfte in der Debatte Die frühen Agrikulturchemiker behaupteten war bei seinem Erfinder Carl Sprengel noch In eine wissenschaftliche Debatte kam die überraschenderweise das Gegensätzliche ausdrücklich ein doppeltes: Die notwendige Lebenskraft schon im vierten vorchristlichen zugleich: Albrecht Thaer 18214: 2) hatte Bedingung des Pflanzenwachstums seien die Jahrhundert: Aristoteles erfand die Worte anfangs des 19. Jahrhunderts den Humus als «ein «Lebensatome», die hinreichende Bedingung «Energie» für das innen Wirkende und «Ente- Gebilde der organischen Kraft» bezeichnet, seien die chemischen Atome. «Das innere lechie» dafür, dass das Leben sein Ziel in sich «wie sie von den unorganischen Naturkräften Wesen des Lebensatoms ist freilich ebenso trägt.1 Beides zusammen ergibt etwa nicht hervorgebracht werden kann». Der wenig zu erklären, als das der chemischen zielgerichtete Antriebsgestalt des Lebendigen. Chemiker Karl Sprengel (18305: 175 ff.) glaubte Atome», sagte Sprengel. an «Lebensatome», die das Lebensprinzip der Das erschien den ersten modernen Naturwissenschaftlern Pflanze ausmachten. Die Pflanzen nähmen Auch im Naturverständnis Justus von Liebigs als eine unmögliche Vorstellung. organische Moleküle einfacher auf als anorganische, war die Lebenskraft zeitlebens ein Teil. Liebig Die Ansichten wurden polarisiert: Der Satz da die organischen ausser ihrer schrieb in seinen «Chemischen Briefen» 1878': «Tiere sind Maschinen» (animalia sunt Stofflichkeit auch bereits «Lebensatome» enthielten, 210): «Die unorganischen Kräfte schaffen automata) wurde René Descartes zugeschrieben. die Pflanze sie ihnen also nicht erst von immerdar nur Unorganisches; durch eine in dem Und Francis Bacon sagte: «Die Untersuchung ihrem Lebensprinzip abgeben müsse. Beim lebendigen Leib wirkende höhere Kraft, deren zielgerichteter Ursachen ist fruchtlos.» Diese Pflanzenzerfall gingendie Lebensatome dann Diener die unorganischen Kräfte sind, entsteht Schlagworte ums Jahr 16002 trugen viel zur mit den chemischen Zerfallsprodukten mit, bis der organische, eigenthümlich geformte, von ' Siehe Aristoteles (4. Jh. v. Chr.): De anima: ILI, 412a; Metaphys.: VII. 13, 1038 b, 1-6; IX. 8, 1050 a, 9-16; Phys. III. I. 2 Zu «animalia sunt automata» vgl. René Descartes (1637): Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, & chercherla vérité dans les sciences. Imprimerie Ian Maire, Leyde, S. 185 und René Descartes (1649): Lettre à Morus, 5 février 1649 (extrait). http://www.caute.lautre.net/article.php3?id_article=1431, publ. 2005, aufgerufen im Februar 2012. Francis Bacon (1623): De Dignitate et Augmentis Scientarum (London), Bd. I, Teil 5: «nam causarumfinalum inquisitio sterilis est». ' Siehe bei den Artikeln von Engelhardt (S. 160fi und Duchesneau (S. 297) in Guido Cimino und François Duchesneau (1997): Vitalisms from Haller to the cell theory. Olschki Editore, Firenze. 1 Albrecht Daniel Thaer (1821): Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. 2. Aufl., 3. Hauptstück. Reimer, Verl. Berlin. ' Carl Sprengel (1830): XIII. Ueber Rindviehharn. Schluss einermehrteiligen Abhandlung. In: Otto Linné Erdmann (Hrsg.): Journal für Technische & Oeconomische Chemie 3/7, 171-195. * Justus von Liebig (1878): Chemische Briefe. 6. Aufl. Winter VergL, Leipzig. Das Zitat ist bereits ab der 4. Aufl. 1859 so vorhanden.
16 > Kultur und Politik i>i2 Palmbuschen in einem Feld, Kanton Schaffltausen, 2010.
Krystall verschiedene und mit vitalen Eigenschaften begabte Stoff.» Liebig meinte, «... die Form und Eigenschaften der höheren, der organisirten Atome [organischen Verbindungen] bedingt die Lebenskraft». Dies entspricht etwa der heutigen anthroposophischen Vorstellung vom Wirken der «Bildekräfte». Und weiter bei Liebig (1878: 14f.): «Nie wird der Chemismus im Stande sein, ein Auge, ein Haar, ein Blatt zu erzeugen.» Wobei diese Lebenskraft «unserem Willen nicht in gleicher Weise wie Wärme, Licht, Schwerkraft etc. zu Gebote steht.»
Liebig spürte den Gegensatz dieser Ideen zu seiner sonstigen Agrikulturchemie und schieb darüber als gedachter Mittelweg (1878: 213): «Die exacte Naturforschung hat dargethan, dass alle Kräfte der Materie wirklich Antheil haben an dem organischen Process, und die extreme Reaction behauptet jetzt, im Gegensatz zu der früheren Ansicht, dass nur die chemischen und physikalischen Kräfte die Lebenserscheinung bedingen, dass überhaupt keine andere Kraft im Körper wirke. Aber eben so wenig wie die Naturphilosophen von damals den Beweis liefern konnten, dass ihre Lebenskraft 1 Adolph Stöckhardt (1851): Chemische Feldpredigten fiir deutsche Landwirthe. Wiegands Verl., Leipzig.
Alles mache, eben so wenig können die Materialisten von gestern den Beweis führen, dass die anorganischen Kräfte es thun, und für sich ausreichen den Organismus, ja den Geist hervorzubringen. Alle ihre Behauptungen gründen sich wie damals nicht auf die Bekanntschaft, sondern auf die Unbekanntschaft mit den Vorgängen. Die Wahrheit liegt in der Mitte, die sich über die Einseitigkeiten erhebt und ein formbildendes Princip, eine herrschende Idee in und mit den chemischen und physikalischen Kräften für das organische Leben anerkennt.»
Auch Liebigs Schüler Adolph Stöckhardt 18517: 14 ff.) vertrat in seinen «chemischen Feldpredigten» diese Ansicht: Die chemischen Kräfte stünden in der lebendigen Pflanze unter der «Vormundschaft einer höheren geheimnisvollen Gewalt, die man Lebenskraft» oder «Gotteshauch» nenne, über die der Chemiker keine Macht habe. Doch was diese Agrarchemiker des 19. Jahrhunderts über die Lebenskraft sagten, schwebte ziemlich unbezogen über ihrem sonstigen Tun: Die Gegensätze kamen nicht spürbar zusammen. Also wurden die Vorstellungen von einer Lebenskraft aus Foto: Nikola Patzel der Agrikulturchemie entfernt, noch bevor diese nach dem Ersten Weltkrieg ihre Breitenwirksamkeit bekam.
Dafür tauchten im 20. Jahrhundert vitalistische Vorstellungen umso stärker bei einigen Biologen (Driesch, Portmann) und bei Pionieren des alternativen Landbaus auf. Besonders bei Rudolf Steiner (Initiator der biologisch-dynamischen Landwirtschaft) und Hans Peter Rusch (Mitbegründer der organisch-biologischen Landwirtschaft). Auch hier zeigt sich, dass der Biolandbau nicht einfach eine «reaktive Alternative» zur neu-konventionell an der Agrikulturchemie orientierten Landwirtschaft war, sondern eine eigentliche Parallelentwicklung zu jener, bei welcher der «Mechanismus» im Denken vorzuherrschen schien. Über Ruschs Vorstellung der «lebendigen Substanz», und wie er sie im Laufe der Zeit mit dem «Prinzip des Lebens» verband, habe ich in «Kultur und Politik» 4/2011 geschrieben.
Übernahmen denn die Biolandbau treibenden Menschen ihre Vorstellungen zur Lebenskraft aus den beschriebenen Äusserungen und DisKultur und Politik i>i2 > 17 puten der Philosophen und Naturwissenschaftler? Vielleicht schon, besonders mithilfe von Steiner und Rusch, aber sicher nicht nur. Es gibt hierzu noch eine andere Geschichte. Diese scheint mehr in einer Art «Innenwahrnehmung» der Natur begründet zu sein, als im logischen Denken, und sie wird im Folgenden angesprochen:
Lebenskräfte im Volksglauben zum Landbau Ein Symbol, das einen mütterlichen Ursprung und den Geist im Leben bildhaft anspricht, ist der «Lebensbaum». Man kennt diese symbolische Vorstellung in wohl allen Kulturen. Dass man grüne Zweige in den Acker steckt, um dessen Lebensäusserungen zu fordern und zu schützen, ist ein in Europa seit mindestens 2000 Jahren und an vielen Orten bis heute praktizierter Brauch. Bei den Römern hiess es, in den Boden gesteckte Lorbeerzweige würden mit den Krankheiten im Feld schon fertig.8 Im kirchlichen Rahmen kam das «Palmenstecken» in die Äcker vereinzelt ab dem 4. Jahrhundert, breiter ab dem 9. Jahrhundert auf:9 Zum Schutz und zur Förderung der Fruchtbarkeit der Felder wurden symbolhaft wirkmächtige Zweige vom ewigen Baum des Lebens in den Boden gesteckt. Dabei war die wirksame Kraft in den Pflanzen keine nur abstrakte, sondern auch eine gestalthafte Vorstellung. Das Pflanzenleben trug Menschen- und Tiergestaltiges in sich. Nymphen und Holzweiblein sah man aus den Waldbäumen hervortreten; und bei der Kornernte sprach man vom «Tier, das mit den Halmen eingefangen wird». Deshalb gab man der letzten Garbe auch Namen wie «Hahn» oder «Hase», oder man stellte sie zum Beispiel als Sau oder Geissbock dar. Weil darin etwas enthalten gesehen wurde, das sich durch Tiergestalten am besten symbolisieren konnte. Das Symbol verweist auf etwas in der Pflanze, das mit einer «Kraft», mit «Instinkten» und einem «Gespür» wirksam sei, wie wir sie auch von unserem tierischen Körper her wahrnehmen und annehmen können. Stellen Sie sich mal vor, die Bio Suisse würde damit werben: «In unserem Brot ist die Kornsau drin!» Demeter Schweiz kommt dem schon behutsam nahe, indem es mit der Behauptung wirbt: «Die Vitalkräfte von Demeter fordern die Lebenslust.»
" Siehe z.B. Plinius d. À. (1. Jh): Historia naturalis, vol. 18, Kap. 45, Abs. 161.
Symbolische Tiergestalten waren auch in Erntebräuchen häufig. Aus: Niko Kuret (1955")
Anders als beim eher abstrakt-rationalen Vitalismus der frühen Agrikulturchemiker zeigten sich spezielle Lebenskräfte und ihr nur symbolisch ansprechbarer Hintergrund im landwirtschaftlichen Volksglauben in vielen Formen und Farben. In den Namen und Darstellungen der zuletzt gebundenen Garben in Tier- oder Menschengestalt. In den Bräuchen mithilfe grüner Zweige zum Schutz und zur Förderung der Ernten. In sagenhaften Erzählungen von (inneren) Erlebnissen mit Zwergen und anderen «körpernahen Geistern».
Und heute? Seit den vielen Entdeckungen sekundärer Pflanzenstoffe können auch naturwissenschaftlich orientierte Leute das Reden über «Lebenskraft» zumindest als Metapher hinnehmen. Denn es wurde deutlich, dass die Gaben artgerecht gewachsener Pflanzen und die Heumilch behornter Kühe auch durch die bestmögliche Kombination isolierter Einzelnährund Spurenstoffe nicht ersetzt werden können. Die sekundären Pflanzenstoffe und ihre Produkte kräftigen unser Leben stark, besonders im Bereich des Immunsystems und der Selbstheilungsprozesse des Körpers. So kann man die Lebenskraft als Metapher für solche Lebensäusserungen und -Wirkungen sehen. Weiter scheint es oft so zu sein, dass die Selbsterhaltungsfähigkeit von biologischem Erntegut relativ gut ist, zu Deutsch: dass Biogemüse und Biorohmilch unter Umständen länger den Abbautendenzen widerstehen und nicht so schnell schlecht werden wie die Erzeugnisse anderer Produktionsmethoden. Das mag mit dickeren Zellwänden und einem ungestört natürlichen Milchmikrobengemisch zusammenhängen.
Wer jedoch die Lebenskraft als das «ganz Andere» des Lebens ansieht, dem werden diese Interpretationen nicht genügen. Dann kann man die Lebenskraft auch als Wort für ein Unbekanntes im Leben ansehen. Die klassischneuzeitliche Debatte über Lebenskraft, welche hier nicht näher ausgebreitet wurde, zeigte keine positive Bestimmbarkeit der vis Vitalis, sondern eher rationalisierte Gefühlsargumente: «Da muss doch noch etwas sein»; «es ist undenkbar, dass das Leben nur rein physikalisch funktioniert» und ähnliche Aussagen. Aus rationaler Sicht ist die Lebenskraft also ein Platzhalterkonzept für das bislang Unbekannte. Man kann sie aber auch als ein Symbol verstehen, also als ein Verweis auf das, was unser Bewusstsein nicht erfassen kann, weil es selbst davon umfasst undgetragen ist, das also zu seinen eigenen Voraussetzungen gehört. Eben das Leben. Die philosophischen und wissenschaftlichen Vorstellungen von der Lebenskraft erscheinen mir interessant, unsicher und hinterfragenswert, auch wohl oft änderungsbedürftig. Und ihre Symbole sind nur tastende Versuche. Doch solange da etwas ist, das wir Menschen als Wirkung wahrzunehmen meinen und wichtig finden, werden wir wohl immer wieder neue Beobachtungen, Ahnungen und Gedanken finden, die der «Lebenskraft» entsprechen, wie auch symbolische Vorstellungen, in denen wir uns womöglich mit dem Unbekannten die Hand reichen. • ' Sabine Feibecker (1195): Die Prozession. Historische und systematische Untersuchungen zu einer liturgischen Ausdruckshandlung.
Münsteraner theologische Abhandlungen, Bd. 39. Oros Verl., Altenberge. S. 365-382.
10 Francesco Colonna (1499): Hypnerotomachia poliphili («Der Liebestraum des Poliphil»), Manutius Verl., Venedig.
" Niko Kuret (1955): Aus der Maskenwelt der Slowenen. Abb.36 in L. Schmidt: Masken in Mitteleuropa. Verein ßr Volkskunde, Wien.
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