Der Bauer in veränderter Umwelt
wird es um 2000 noch Bauern geben?
Bei einer Zusammenkunft junger Bauern fiel mitten in kühle wirtschaftliche Überlegungen hinein die Frage: «Wird es um 2000 überhaupt noch Bauern geben?» Ein geladener Gast zu dieser Diskussion, der Leiter einer Studiengruppe für internationale Analysen, sprach dabei ein Wort aus, das des Überlegens wert ist: «Das Überleben des Bauern als freier, selbst entscheidender Berufsstand hängt davon ab, daß es immer genug Menschen in diesem Beruf gibt, die unbeeinflußt und realistisch nachdenken können!» Eine einfache und doch so entscheidende Wahrheit! Die unerhörte Verbreitung aller Nachrichtenmittel, Zeitung, Rundfunk und Fernsehen, hat es mit sich gebracht, daß auch der bäuerliche Mensch unter einer Hochflut von Informationen zu ertrinken droht. Sie strömen täglich über ihn herein, und unsere Fähigkeit, alle diese Informationen auch geistig zu verarbeiten, so daß sie sich nahtlos in das Bild unserer Weltauffassung einordnen, ist schon längst weit überfordert. Und was tritt als eine Folge dieser Überforderung auf? Es tritt - unauffällig erst noch, solang unsere Arbeitsaufgaben täglich vorgegeben und sozusagen «programmiert» sind - mit einer immer stärkeren Wirkung eine «geistige Vergiftung» ein. Reißt dann einmal unerwartet das Netz der «Programmierungen» auseinander, so öffnet sich eine alle Planungen auf Zukunft lähmende Leere. - Dann sagt der eine: «Ich weiß nicht mehr weiter!» und der andere spricht gar: «Ich gebe auf!» Information heißt «Auskunft geben», «in Kenntnis setzen». Werden wir aber auch durch jede Information richtig und erschöpfend in Kenntnis gesetzt? Unser menschlich ausgerichtetes, unser humanes Denken wurde schon weitgehend durch den Einbruch eines rein physikalischen Denkens verdrängt. Auf allen Gebieten breitete sich eine ungehemmte Spezialisierung des Wissens und damit auch des Handelns aus, die als «Fachidiotie» eine kaum mehr überbrückbare Sprachenverwirrung der Begriffe und der Auffassungen zur Folge hat. Durch eine ungefilterte Informationsflut werden Randgebiete unserer Lebensaufgaben in die menschliche Lebensmitte gespült, die den Blick auf die wahrhaft zentralen Aufgaben auch der ländlichen und bäuerlichen Zukunft verdunkeln und überdecken. Wo ist heute noch der Menschentyp zu finden, der ungeblendet von Eintagshoffnungen und rasch veränderlichen wirtschaftlichen Sachzwängen ein organisches und ganzheitliches Zukunftsziel zu bauen und auch in der Wirklichkeit anzupeilen vermag? Dieser zukunftsorientierte Typ kann nicht mehr dort wachsen, wo sich die Probleme der heutigen Industriegesellschaft scheinbar unauflösbar ineinander verfilzen wie in den Ballungsgebieten der Stadtlandschaften! Immer gebieterischer ist die Forderung zu hören: Die Probleme der Städte können nur noch im Umweltraum der Städte gelöst werden! Der Umweltraum der Städte - das ist das offene Land! So wächst gerade das Land in eine neue Aufgabenrolle hinein, der sich die Menschen des offenen Raumes zwischen den Städten erst bewußt werden müssen. Nur dort sind erst wieder Grundhaltungen des Lebens der Zukunft möglich, die «bewahrenden Fortschritt» schaffen. Ein solcher, zum Überleben entscheidender Menschenschlag kann nur dort gedeihen, wo die «Wegwerfhaltung» der reinen Industriewelt - von der Wegwerfpackung bis zum Wegwerfembryo - noch ihre Grenzen findet. Das Evangelium, durch zwei Jahrtausende des Wertsystems lebendiger Zukunft, ist gerade durch diese « Wegwerf haltung» zum fast vergessenen Ladenhüter der menschlichen Grundhaltungen geworden.
An dieser Stelle kehren wir noch einmal zurück zu der Frage nach der Existenz des Bauern im Jahre 2000. Damals fiel eine Antwort, die zum Aufhorchen zwang: «... hängt davon ab, daß es immer genug Menschen gibt, gerade im bäuerlichen Beruf, die unbeeinflußt und realistisch nachdenken können!» Mit keinem Wort soll hier die Notwendigkeit der Bemühungen um ein erträgliches Existenz-Niveau verkleinert oder verschwiegen werden. Das Studium der marktbeherrschenden Kräfte ist in einer Industriegesellschaft wie der heutigen eine lebensentscheidende Notwendigkeit. Doch wer darüber den Blick nach dem Sinn all der täglichen Bemühungen aus den Augen verliert, der Befreiung von Resignation und Lebensangst, der handelt wie ein Wettläufer, der das Ziel seines Wettlaufs nicht mehr kennt - er wird niemals dort ankommen! Nach diesem überlegenden Umweg können wir uns auch an die Frage wenden: «Wird es um 2000 noch Bauern geben?» Die positive Antwort liegt darin beschlossen, daß immer mehr bäuerliche junge Menschen die Herausforderung zum Denken annehmen. Wer nur passiver Informationskonsument geworden ist, scheidet nach und nach aus dem Kreis der Berufenen aus. Wer aber diese «geistige Vergiftung» überwindet, vermag auch gegen den Strom der unaufhaltsamen Gesinnungseinebnung zu bestehen. Erst ein schöpferisches Denken legt den Grund, daß der junge bäuerliche Mensch auch in einer veränderten Umwelt bestehen kann. Und hieraus erst erwachsen die Garantien, daß es auch im Jahr 2000 den frei entscheidenden Bauern geben wird.
Erst wer seinen Auftrag kennt, kann ihn auch erfüllen Franz Braumann