Brüchige Fundamente
EDMUND ERNST Sowohl für die menschliche Lebenshaltung als auch für die Geldwährung ist der landwirtschaftliche Warenpreis ein fundamentaler Baustein. Auf ihm werden die übrigen Preise aufgebaut. Wird aber der fundamentale Baustein nicht im Boden begründet, sondern so behandelt wie es heutzutage mit dem landwirtschaftlichen Warenpreis geschieht, wenn man ihn im Hinblick auf Einkommen in der Industrie berechnet, dann schwebt das Fundament in der Luft. Das Haus steht nicht mehr auf dem Boden. Die Fundamente werden aus ihren festgefügten Unterlagen herausgehoben und gewissermaßen auf geflügelte Räder gelegt. Geflügelte Räder werden konstruiert, wenn die landwirtschaftliche Preisbildung Vergleiche zieht mit den Geldeinkommen in Industrie und Handel und diese zur Grundlage macht für die landwirtschaftlichen Warenpreise. Umgekehrt wäre es richtig. Und diese Umkehrung der Berechnungsweisen ist nicht nur richtig, sondern auch notwendig. Ohnedies müssen wir der Zerrüttung nicht nur der Geld- sondern auch der Lebensverhältnisse verfallen. Sie haben schon stark eingesetzt. Denn die Umkehr ist nicht nur eine Rechnungsangelegenheit, sondern eine lebensgemäße Sache. Wenn der Landarbeiter in die Industrie hinüberwechselt, so vergleicht er nicht nur rechnerisch: er stellt sein Leben auf die Industrie um. Und wenn die Landwirtschaft in ihren Betriebsmitteln auf industrielle Lieferungen angewiesen ist, so verliert sie in dem Maße ihre Eigenständigkeit und ihre Bodensländigkeit, als ihre Betriebskosten durch die wogende Preisbildung aus der Industrie beeinflußt wird. Wenn zum Dritten die Geldindustrie im Hypothekarwesen keine Ausgleichskraft besitzt, die es gestatten würde, die Fundamente der Landwirtschaft im Boden zu verankern, indem sie selbst mithilft, daß diese heute gelockerten und ins Schweben geratenen Fundamente in ihre Versenkung gebracht werden, dann wirken drei unwiderstehliche Faktoren zusammen, die den landwirtschaftlichen Warenpreis aus seinen Fundamenten herausheben, ihn ins Schweben bringen und ihn den Stürmen der Konjunktur ausliefern. Wenn wir uns daher mit der Frage der landwirtschaftlichen Preise befassen, so dürfen wir keinesfalls die Ursachen für die brüchigen Zustände bei der Landwirtschaft allein suchen. Es wirkt ein verhängnisvoller Kreislauf, der wirbelnd weitertreibt, wenn es nicht gelingt, die Fundamente der Landwirtschaft im Boden selbst zu verankern und die Preisbildung auch in Gewerbe, Industrie und Handel zu diesem Fundament in ein ausgeglichenes Verhältnis zu setzen. Dem Hochtreiben der landwirtschaftlichen Arbeitslöhne kann begegnet werden, wenn Gewerbe und Industrie die Landarbeiter nicht weglocken. Innerhalb verschiedener Industriezweige gibt es Vereinbarungen, welche ein solches Weglocken der Arbeiter ausschalten. Warum trifft man keine entsprechenden Vereinbarungen zugunsten der Niederhaltung der landwirtschaftlichen Arbeitslöhne? Außerdem weiß man, daß es in Italien nicht nur sehr viele Landarbeiter gibt, und zwar arbeitsuchende und in Italien selbst überschüssige Kräfte: warum senkt man nicht die landwirtschaftlichen Arbeitslöhne durch Zufuhr vermehrter Fremdarbeiter, wenn sie doch da sind? Dies wäre umso naheliegender, als leider die schweizerischen Knechte vielfach ihren hohen Lohn nicht zu Sparzwecken verwenden, sondern offensichtlich vertun. Es besteht kein menschliches Verhältnis zwischen diesem Weekendbetrieb unter Landarbeitern und der Not derjenigen Städter, die bei knappen Löhnen Preise für lebenswichtige Waren bezahlen müssen, an denen sie mit ihren Familien in schwere Sorgen fallen, besonders zur Zeit der Teilarbeitslosigkeit durch Elektrizitätsmangel.
Außerdem sollten Lohnerhöhungen des Landarbeiters grundsätzlich nicht in Nominalwerten erstrebt werden, sondern in Naturalbezügen: durch Wohnungseinrichtungen und Lebensmittellieferungen, die es dem Landarbeiter gestatten, selbst eine Familie zu gründen. Landwirtschaftliche Lohnbewegungen in nominellen Geldwerten anstatt in Naturalbezügen wirken währungszerrüttend und teuerungsbedingend. Bei standardisierter Lieferung durch die Industrie könnten Wohnungen durch eigene Arbeitskräfte in den Zeiten der landwirtschaftlichen Arbeitsstille aufgestellt werden. Zum zweiten aber müßte auch im Interesse der Lebenshaltung des ganzen Volkes und seiner Währung danach gestrebt werden, daß die Lieferungen industrieller Betriebsmittel an die Landwirtschaft zu Preisen erfolgen können, welche den landwirtschaftlichen Warenpreis verbilligen, nicht erhöhen. Es ist sinnwidrig, rationelle Betriebsmittel an die Landwirtschaft zu liefern, welche unrationell, nämlich kostensteigernd wirken. Unsere landwirtschaftlichen Maschinenfabriken arbeiten beispielsweise deshalb zu teuer, weil sie nicht standardmäßig organisiert sind, sondern weil eine Menge von Kleinunternehmungen verschiedenste Maschinentypen zu Preisen liefern, die sich senken ließen, wenn durch Arbeitsteilung verbilligte Standardlieferungen gemacht würden. Die Bauern standardisieren ihre Aepfel. Die Bauernlieferanten standardisieren ihre Betriebsmittel für die Bauern viel zu wenig. Wer auf Kosten der Grundrente industrielle Waren liefert, zerüttet die Währung.
Endlich ist unsere Hypothekarordnung destruktiv. Auch sie treibt die Preise hoch. In ihr sind die Verhältnisse ebenfalls auf den Kopf gestellt. Richtig ist es, wenn der grundpfandgesicherte Rentenzinsfuß der landwirtschaftlichen Hypotheken zugunsten der Alten, der Kranken, zugunsten der Wissenschaft und der Kunst spielt. Schon Adam Smith, der Freund der Goldwährung, hat nachgewiesen, daß Universitätsfonds, die auf Getreide lauten, mehr und dauerhafteren Wert haben als jede andere .Fondsart. Renten, die auf Gold lauten, das im Preise schwankt, und nicht auf Getreide oder Milch, zerrütten die Währung, was schon Adam Smith wußte. Die landwirtschaftlichen Resthypotheken aber sollten gewissermaßen Aktiencharakter haben und in der Hand des Handels liegen, während der landwirtschaftliche Betriebskredit nicht auf Realkredit, sondern auf Personalkredit aufgebaut werden müßte. Hiefür würden heutzutage die Milchgenossenschaften jede taugliche Unterlage bieten. Dann würde der Realkredit die Preise verbilligen und der Landwirt würde unter keiner Kreditsperre leiden, weil ihm der Personalkredit offen stünde. Unter solchen Voraussetzungen läßt sich ein festgefügter und unerschütterlicher landwirtschaftlicher Warenpreis aufstellen, wenn die landwirtschaftliche Betriebsführung gleichzeitig das Prinzip der Monokulturen überwindet. Man denke nur, wie wohltätig es gewirkt hätte, wenn in diesem Jahre den notleidenden Bauern die Zinsen auf ihre Hypotheken hätten erlassen werden können. Das ist aber nicht möglich, solange die Reslhypotheken auf den landwirtschaftlichen Betrieben in Goldwerten gerechnet sind und in den Händen kleiner Leute liegen, die auf den Zinsertrag angewiesen sind. Würden die Renten für Lebensversicherungen, Altersversicherungen, für Kunst und Wissenschaft auf Getreide oder Milch lauten, so würde jede Getreideund Milchpreiserhöhung automatisch die Einkommen der Versicherungsund Wissenschaftsrentner erhöhen. Heute ist das Gegenteil der Fall. Und wie rentabel hätte sich ein Zinsmoratorium für die Resthypotheken nicht nur für viele Kleinbauern ausgewirkt, sondern auch für Gewerbe, Industrie und Handel, die mit Kosten, die für sie gering gewesen wären, viel höhere Kosten, die sich durch die fortgesetzten Preiserhöhungen einstellen, hätten ersparen können. Mit einem dreijährigen Zinsertrag auf die Resthypotheken wäre sowohl den Notleidenden geholfen, als auch die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produkte unnötig gemacht worden. Statt dessen erhalten wir höhere Preise und höhere Steuern, weil Bundessubventionen abbezahlt werden müssen. Daher haben wir seit Jahren die Notwendigkeit von landwirtschaftlichen Kapitalschuld-Ausgleichskassen betont. Hätten wir sie gebildet, so hätten wir nicht mit diesen unheilvollen und — was wichtiger ist — unwahrhaften Verhältnissen zu rechnen, über denen das Volk in Zwiespalt gerät. Eine Naturwährung für Rentengelder und Kapitalschuld-Ausgleichskassen, welche aus Gewinn von Handel und Industrie die landwirtschaftlichen Preise stabilisieren, tun not. Wenn wir diese drei solidarischen Grundlagen geschaffen haben im landwirtschaftlichen Arbeitslohn, in den Betriebskosten und im Hypothekar-Kredit zur Stabilisierung der landwirtschaftlichen Warenpreise —, dann können wir anfangen, mit den Bauern zu reden über wahre und gerechte Preise. Wirkliche Solidarität müßte dafür die Grundlage bilden. Nicht Preiserhöhungen, sondern Senkung der Betriebskosten hilft aus der Not. Solange dies nicht als Fundament für die Lebensverhältnisse und für die Geldwährung feststeht, ist es nicht billig, den Bauern Vorwürfe zu machen über ihre Habgier. Ihr Vorhandensein soll nicht bestritten werden. Aber sie wird erzeugt und gereizt, solange die Fundamente für den landwirtschaftlichen Warenpreis nicht fest im Boden selbst verankert, sondern auf konjunkturellen Wogen treibend gehalten werden. Die Grabwerkzeuge aber, durch welche diese Fundamentierung bewerkstelligt werden kann, liegen im Geiste der Solidarität. Wir leiden nicht nur unter Warenmangel. Wir leiden nicht nur unter bürokratischer Tyrannei. Wir leiden unter Mangel an Solidaritätskraft. Wir leiden unter dem Mangel an Willen zur Wahrhaftigkeit. Darüber wird unsere Währung brüchig und die Lebenskosten steigen, während der Geist der Freiheit versiegt. (Aus «Ausgleich und Steigerung», «Schweiz. Monatsschrift für sozialethische Wirtschaftsgestallung»)