"Bio lässt sich nur gemeinsam durchsetzen"
kultur und politik Seite 21 «Bio lässt sich nur durchsetzen»
gemeinsam Es waren die Richtlinien, welche die Schweizer Pionierorganisationen geeint und die Vereinigung schweizerischer biologischer Landbau-Organisationen VSBLO/Bio Suisse erst möglich gemacht haben. Während die Bio Suisse am 18. August 2006 auf dem Berner Bundesplatz mit Bio-Power ihren 25. Geburtstag feiern wird, analysieren die Gründerväter Hartmut Vogtmann, Michael Rist, Otto Schmid, Peter Lendi und Werner Scheidegger auf Einladung von kultur und politik vorab 30 Jahre nach ihrer ersten Sitzung die historische Dimension damaliger Taten. Sie leiten daraus auch Visionen, Strategien und die Chance neuer Allianzen für den Weg aus der aktuellen Blockade der Bio Suisse ab.
Montag, 26. Juni, 16 Uhr, Hotel Victoria am Basler Bahnhofplatz. Hier, wo am 1. September 1981 der erste Vorstand der neuen Vereinigung schweizerischer biologischer Landbau-Organisationen VSBLO bestellt und die Statuten bereinigt wurden, treffen sich solche, die vor 25 Jahren dabei waren, aber auch jene, die früher schon die Schweizer Biobewegung mitgeprägt haben: > Prof. Dr. Hartmut «Hardy» Vogtmann, von 1974 bis 1980 erster Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL, heute Präsident des Deutschen Bundesamts für Naturschutz in Bonn und Professor für Ökolandbau an der Universität Kassel in Witzenhausen; > Dr. Dr. h.c. Michael Rist, früher Dozent für Landwirtschaftliches Bauwesen und Forschungsleiter Artgemässe Nutztierhaltung an der ETH Zürich, Stiftungsrat und Mitbegründer des FiBL, Präsident des Konsumentenvereins Zürich und Leiter der Johannes Kreyenbühl- Akademie zur Synergie von Natur- und Geisteswissenschaft; > Otto Schmid, Mitglied des ersten VSBLO-Vorstands und seit 1974 leitender FiBL-Mitarbeiter, heute im Bereich SozioFotos: Ruedi Steiner ökonomie; Koordinator eines Europäischen Projekts über die Evaluation von Aktionsplänen für den Biolandbau und Dozent an der ETH Zürich für biologischen Landbau und Agrarmarketing; > Peter Lendi, als Geschäftsführer der SGBL/Bioterra langjähriges Vorstandsmitglied VSBLO, heute Kräuterproduzent im Tessin und Träger des Prix Bio 2005 von Bioterra; > Werner Scheidegger, Biobauer in aktiver Pension, Möschberg-Schüler von Hans und Maria Müller, Gründer der Biofarm Genossenschaft und des Bioforums Schweiz, während zwölf Jahren erster Präsident VSBLO. Eine illustre Runde, für die von vornherein klar ist, dass die Gründung der heutigen Bio Suisse vor 25 Jahren «ein Zwischenspiel» auf dem steinigen Weg zur gesetzlichen Anerkennung der Biolandwirtschaft durch den Bund war. Ein Weg, den die Fünf intensiv miterlebt und mitgeprägt haben.
Otto Schmid ist gut dokumentiert. Vor ihm türmen sich die Akten aus seinem persönlichen und dem Handarchiv der FiBLDirektion. In den nächsten drei Gesprächsstunden wird er ab und zu ein Dokument herauszupfen und daraus zitieren. Zum Beispiel aus diesem: «Im Anschluss an die Zusammenkunft in Ölten Anfang April 1976 habe ich Ihnen die Arbeitsunterlagen für die Ausarbeitung gemeinsamer Richtlinien zugestellt. Entsprechend der Abmachung bei dieser Zusammenkunft sollen wir bis Ende 1976 einen gemeinsamen Entwurf für solche Richtlinien abfassen, der dann Anfang 1977 mit weiteren Gruppen diskutiert werden sollte.»
Otto Schmid schaut auf. Das sei ein Schreiben von Hardy Vogtmann vom 8. Juli 1976. Für den 28. Februar hatte der damalige FiBL-Chef alle im Biolandbau aktiven Pioniergruppen an einen Tisch gerufen, nachdem die eidgenössische Expertenkommission von Ah nach 18-monatigen Beratungen zum Schluss kam, eine wissenschaftliche Charakterisierung so genannt biologischer und nicht biologischer Erzeugnisse sei nicht möglich: «Der Begriff biologisch in Zusammenhang mit Lebensmitteln ist deshalb zu verbieten.»
Die Kommission unter Leitung des damaligen Direktors CD kultur und politik Seite 22 der Eidg. Forschungsanstalt BernLiebefeld, Dr. von Ah, wurde als Reaktion auf einen Brief von Dr. Hans Müller eingesetzt, wirft Werner Scheidegger ein: «Dr. Müller schrieb ihn 1971 an die eidgenössische Ernährungskommission. Er wollte den BegriffBio aktiv für die Vermarktung von B ioprodukten der Anbau- und Verwertungsgenossenschaft Heimat, der heutigen Bio-Gemüse AV-AG Galmiz, verwenden. Der Bericht von Ah hat dann natürlich nicht nur auf dem Möschberg, sondern auch in allen anderen Organisationen viel zu reden gegeben, die sich mit Bio befasst haben.»
Zum Beispiel bei den biologisch-dynamischen Bauern. Oder in der Schweizerischen Gesellschaft für biologischen Landbau SGBL, heute Bioterra. Aber auch im eben erst eröffneten Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL. Dessen erster Leiter Hartmut Vogtmann dazu: «Uns war klar, dass die Kantonschemiker und das Gesundheitsamt Bio über das Produkt definiert haben wollten. Was ist der Unterschied zwischen konventionellem und Bio-Produkt? Lassen sich beim Bio-Produkt wirklich gewisse Qualitäten ausloben? Wir wussten aber gleichzeitig auch, dass wir diese Unterscheidungen am Produkt nicht einfach so im Labor mit den üblichen chemischen Analysen zeigen und damit belegen können. Wir mussten vielmehr damit beginnen, die Produktionsmethode des biologischen Landbaus zu beschreiben und zu definieren. Sie lässt sich auch kontrollieren. Genau das war denn auch das zentrale Thema dieser ersten Sitzung im Februar 1976, zu der ich alle Bio-Organisationen der Schweiz eingeladen habe.»
So gesehen sei am 28. Februar vor 30 Jahren die Schweizer Biobewegung initiiert worden, markiert Otto Schmid gleich den Bio Suisse-Baumeister Hardy Vogtmann (links) und Otto Schmid.
ersten Meilenstein. Kurz zuvor schon hatten sich zwar die Biofarm Genossenschaft wie SGBL/ Bioterra nach dem schroffen Urteil der Kommission von Ah schon um die Ausformulierung eigener Richtlinien für ihren jeweiligen Biolandbau bemüht. Genauso wie die Bio-Dynamischen nach Rudolf Steiner. Werner Scheidegger: «Nach dem an sich skandalösen Null-Entscheid von Ah mussten wir von der Biofarm reagieren. Unser Vorstandsmitglied Beat Müller, Jurist und Sohn von Dr. Müller, ist uns wegen der Richtlinien ständig auf die Füsse getreten. Er wollte uns vor Angriffen schützen. So haben wir unseren organisch-biologischen Landbau 1974 mit ersten kontrollierbaren Richtlinien zu be- und umschreiben versucht. Zur gleichen Zeit hat auch Bioterra eigene Regeln verfasst.» Ein Grund mehr für Hartmut Vogtmann, die Rolle des Moderators zu übernehmen und alle an einen Tisch zu holen. Mit dem erklärten Ziel, gemeinsame Richtlinien zu verfassen und die dann in Bern anerkennen zu lassen.
Otto Schmid kennt die Biobewegungen in den umliegenden Ländern. Er weiss die Wichtigkeit des Schweizer Ansatzes einzuschätzen: «Bei uns war einmalig, dass sich von Anfang an mit Ausnahme der Gruppe Müller AVG alle Richtungen bemüht haben, zusammenzukommen und gemeinsam eine eigene privatrechtliche Vereinbarung zum Biolandbau zu realisieren.» Für Hartmut Vogtmann war es eine historische Gratwanderung: «Jede Gruppierung wollte und musste sich ihre Eigenständigkeit bewahren. Gleichzeitig wollte und sollte sie mit grosser Klugheit und Weitsicht auch Gemeinsamkeit signalisieren. Soviel Gemeinsamkeit wie nötig und soviel Selbstständigkeit wie noch grad möglich also.»
Für Peter Lendi war die Rolle des FiBL entscheidend: «Wie die anderen Bio-Organisationen auch, war der SBGL von Pionierpersönlichkeiten geprägt. Sie mussten einen sturen Kopf haben, weil die ganze Aussenwelt damals etwas gegen Bio hatte oder nichts damit anzufangen wusste. Diese Einzelkämpfer nun in ein Boot zu setzen, war delikat und heikel. Um es dennoch so erfolgreich zum Gelingen zu bringen, bedurfte es einer sensiblen Diplomatie. Die hat das FiBL meisterhaft beherrscht.»
Reisediplomatie nennt Hartmut Vogtmann heute sein Tun von damals: «Es brauchte wirklich viel Reisediplomatie. Ich habe alle Organisationen mehrmals einzeln besucht, bevor wir dann wieder gemeinsam an einem Tisch zusammenkamen.» Das FiBL sei der einzig mögliche Kristallisationspunkt gewesen, und den habe es zwingend gebraucht, ist Peter Lendi überzeugt. Und Werner Scheidegger doppelt nach: «Ohne FiBL hätten wir uns nie gefunden. Hier haben sich alle verstanden und gut beraten gefühlt.»
Das FiBL hat sich aus wissenschaftlicher Überzeugung nie auf die eine oder andere ideologische Richtung im Biolandbau festgelegt. Das dokumentiert für Michael Rist allein schon der Kreis der Gründer, die 1973 die Stiftung und ein Jahr später das Forschungsinstitut FiBL installiert haben: «Obwohl die Mehrheit der Stiftungsratsmitglieder doch Anthroposophen waren, Biodynamische!»
Zwei unter ihnen kannten und schätzten sich als Dozenten und Forscher der ETH: Michael Rist, Vördenker für artgemässe Nutztierhaltung und Philipp Matile als Professor für Biologie. In dieser Keimzelle des Poly sass auch Hartmut Vogtmann, der im Bereich Tierernährung promovierte. Philipp Matile sei die zentrale Figur in dieser Zelle gewesen, sagt Hartmut Vogtmann: «Ohne Matile und Rist wäre ich nicht im biologischen Landbau gelandet. Ich habe ihr natur-philosophisches Seminar besucht, das sie jeweils am Montag um 17 Uhr ausser Lehrplan in der Bibliothek der Biologen angeboten haben.»
Hartmut Vogtmami zur Rolle des FiBL 1976: «Wir sind als Dienstleister aufgetreten, wie das FiBL auch heute wieder als Dienstleister und nicht nur als wissenschaftliches Institut auftreten könnte und wohl auch sollte. Wir wollten den Bio-Organisationen etwas bieten. Wir wollten das Vertrauen untereinander und für einander schaffen. Denn eines war damals schon klar: Bio lässt sich nur gemeinsam durchsetzen. Das Ziel, den Biolandbau gesetzlich zu verankern, war nur gemeinsam zu schaffen. Das Faszinierende daran ist eben, dass wir es mit wenig Leuten, keinem Geld und viel Optimismus geschafft haben, alle oder eben fast alle zusammenzubringen. Und den Dr. Müller wenigstens einmal kurz bis nach Oberwil ans FiBL zu holen.»
Um gegenüber Bundesbern diegebührende Geschlossenheit zu markieren, wollte man nichts unversucht gelassen, die AVG und damit den greisen und verbitterten Übervater der organisch-biologischen MöschbergBewegung bei der Stange zu halten. «Ich habe Dr. Müller nach mehreren Gesprächen unter vier Augen im Berner BlaukreuzRestaurant, bei Blüemlitee im 1. Stock, dazu gebracht, zu einer Sitzung ans FiBL zu kommen, um dort seine letzten Zweifel auszuräumen», erinnert sich Flartmut Vogtmann lachend und nippt an einem kühlen Weisswein von der Petersinsel. Schmid schmunzelt: «Bei diesem Besuch war ich auch dabei. Hardy Vogtmann hat Dr. Müller damals hartnäckig darauf angesprochen, dass einer seiner grössten Bauern und Lieferanten die Blacken noch so spritzt, wie es im Biolandbau nach unseren gemeinsamen Regeln einfach nicht geht. Da ist Dr. Müller plötzlich aufgestanden, hat Mäppli und Mantel gepackt - und weg war er. Samt seinem Begleiter, Dr. Arquint von Biofamila.» Dennoch figurierte die AVG unter jenen Bio-Organisationen, die ab 1980 die ersten gemeinsamen Richtlinien für den biologischen Landbau organischer und dynamischer Art einhalten wollten. Nach Müllers Tod trat die AVG 1989 auch formell der VSBLO und Bio Suisse bei.
FIBL-Mann Otto Schmidt hatte stets den nötigen Ausgleich geschaffen.
Otto Schmid zieht wieder ein Protokoll aus seinen Mappen, zitiert aus einem weiteren Schreiben von Vogtmann an die Mitglieder der Arbeitsgruppe, die seit dem ersten Treffen vom Februar 1976 an der Arbeit war: «Es geht darum, ein Dach zu finden, unter dem alle biologischen Richtungen Platz finden können. Das Ergebnis der Arbeiten sollte sein, mit diesem Rahmen den Behörden gegenüber aktiv zu werden, um einerseits eine Ausgrenzung der durchaus vorhandenen Scharlatane zu erreichen und anderseits eine offizielle Anerkennung durchzusetzen, z. B. im Rahmen der Lebensmittelverordnung und dass damit eine Definition des biologischen Landbaus vom Produktionsweg und Prozess und nicht vom Produkt angestrebt wird. Das ist wahrscheinlich der leichtere und Erfolg versprechende Weg, da ja auch das Vorzugsmilchreglement hauptsächlich auf einer Besehreibung des Produktionswegs basiert.»
Somit weiter im Versuch, Bio nicht nur im Schweizer Bauernverband, sondern auch im Eidgenössischen Gesundheitsamt salonfähig zu machen. «Ein Trauerspiel», nennt es Otto Schmid, wenn man bedenke, dass die Schweiz erst 1998 die eigene Bioverordnung erlassen hat, die EU aber schon 1991. Die ersten bunkultur und politik Seite 23 desbiotauglichen Richtlinien der gebündelten Anbieter- und Anbaugruppe lagen ja schon seit 1980 auf dem Tisch. Öffentlich präsentiert von jener Gruppe um Schmid, Werner Scheidegger und Hartmut Vogtmann, die seit 1976 vermittelt, verhandelt und verabschiedet hatte.
«So gesehen ist die Gründung der VSBLO/Bio Suisse quasi ein Zwischenspiel auf dem Weg zur gesetzlichen Regelung», sagt Otto Schmid, um gleich wieder auf die vier wichtigsten Versuche zu kommen, Bern von Bio zu überzeugen: «Den ersten Versuch hatten wir schon. Es ist der Brief von Hans Müller mit dem Bescheid der Kommission von Ah. Den nächsten Versuch lancierten 1978 zwei Kantonschemiker: Martin Schüpbach aus Basel und Roger Biedermann aus Schaffhausen. Sie wollten Bio zusammen mit der Schweizerischen Gesellschaft für Umweltschutz SGU in die Revision der neuen Lebensmittelverordnung schmuggeln. Ohne Erfolg.»
Und der dritte Streich? Mit den ersten gemeinsamen Richtlinien in der Hinterhand platzierte der Berner SP-Nationalrat Alfred Neukomm 1980 eine Motion, die einmal mehr die Aufnahme von Bio in der Lebensmittelverordnung verlangte. Es folgten Erfolg versprechende Gespräche mit dem Gesundheitsamt und etliche Sitzungeneiner eigens dafür portierten Kommission, in der unter anderen auch Werner Scheidegger sass. Ihr ausgereifter Entwurf zum Vollzug der rechtlichen Erfassung lag ab 1985 bereit. «Trotzdem herrschte von 1984 bis 1988 praktisch Funkstille aus Bern. Nicht einmal die Mitglieder der Kommission wurden über die weitere Verwendung informiert», erinnert sich Otto Schmid. «Es war die Zeit der internen Finanz- und Vertrauenskrise am FiBL und in dessen Stiftungsrat, 1985 bis 1989. Stiftung und Institut waren mit sich selbst beschäftigt. Das muss mit ein Grund gewesen sein, warum wir nicht genügend Druck ausüben konnten.»
Erst 1989 kam Bio in Bern wieder in Bewegung. Der Berner SVP-Nationalrat Rychen fragte damals im Bundeshaus nach dem aktuellen Stand der Dinge. 1990 lag der Bericht Popp zur Landwirtschaftspolitik der Zukunft und den neuen Direktzahlungen vor, die 1993 erstmals ausbezahlt worden sind. Für Bio wurden erstmals höhere Beiträge ausgerichtet als für die konventionelle Landwirtschaft. Otto Schmid: «Das war das erste Mal, dass die Kontrolle der VSBLO als Grundlage für das Auszahlen von öffentlichen Beiträgen anerkannt wurde! In der Verfügung der Direktzahlungen wurde sogar, ein bislang einzigartiger Akt, explizit daraufhingewiesen, dass man sich auf die Richtlinien der VSBLO abstütze.» Zwei Jahre zuvor hatte der Kanton Bern, basierend auf den privatrechtlichen Bio-Richtlinien, schon einmalige Umstellungsprämien für Biobauern ausbezahlt. Das Baselbiet, BaselStadt, Zug und Zürich folgten.
Werner Scheidegger hatte in Verhandlungen mit der Eidil kultur und politik Seite 24 genössischen Getreideverwaltung zudem erreicht, dass die Biobauern von einem Solidaritätsbeitrag der Getreidebauern befreit wurden: «Auch hier war die Einigkeit unter den Bio-Organisationen entscheidend. Es gab damals in der ganzen Schweiz keinen Biobauern, der nicht ins Regelwerk eingebunden war. Mit dem Einlenken der Getreideverwaltung hatten wir die erste offizielle Anerkennung von Bio noch vor den Direktzahlungen erreicht.»
Und die Vereinigung schweizerischerbiologischerLandbauorganisationen V SBLO? Werner Scheidegger: «Als wir am 20. Oktober 1980 die ersten gemeinsamen Richtlinien an einer Pressekonferenz vorgestellt hatten, standen wir noch ein paar Minuten zusammen. Wir waren uns rasch einig, ein gemeinsames Zeichen für Bio gegen aussen nötig zu haben. Das FiBL bot uns seine Knospe an, die wir von der Biofarm als einzige Organisation sofort nutzen wollten. Bioterra hatte ein eigenes Biozeichen. Demeter ebenso. Die Idee war aber schon auch, dass die Knospe künftig von allen Schweizer Biobäuerinnen und Biobauern genutzt werden könnte.»
Um die Knospe samt schriftlichem Hinweis auf die Richtlinien des biologischen Landbaus urheberrechtlich schützen zu lassen, brauchte es eine offizielle Trägerschaft. So wurde aus dem lockeren Verbund hinter den Bio-Richtlinien am 1. September 1981 im Hotel Victoria in Basel die VSBLO, wie die heutige Bio Suisse als Baby hiess. Ihr vorerst einziger Zweckartikel: «Die Vereinigung bezweckt die Schaffung und Inschutznahme einer Ursprungsmarke für Produkte aus biologischem Anbau gemäss den «Richtlinien für Verkaufsprodukte aus biologischem Anbau» und die Kontrolle deren rechtmässiger FiBL-Mibegründer Michael Rist plädiert heute für neue Biopartner.
Verwendung durch die Mitglieder und allfallige Lizenznehmer.»
Hartmut Vogtmann ist heute noch überzeugt, dass es den sanften Zwang des Urheberrechts unbedingt gebraucht hat - ohne ihn hätte es die Vereinigung in dieser Vereinsform nicht gegeben. Elementar für Otto Schmid «war zudem die absolute Freiwilligkeit beim Gebrauch der Knospe. Alle Beteiligten hatten ihr Label oder waren selbst schon eine Marke. Die Knospe durfte, aber musste nicht genutzt werden. Dank dieser Freiwilligkeit konnten alle dazu stehen.» Hartmut Vogtmann ergänzt: «Die Knospe vereinigte all diese Marken in einem Zeichen, aber konkurrenzierte sie nicht, sondern ergänzte sie höchstens.» Bei der Nutzung der Knospe übernahm Biofarm zwar wie geplant die Führung und zeichnete ihre Produkte rasch einmal damit aus. In der Vereinigung selbst aber wurde die Gleichberechtigung weiterhin gepflegt und damit vor allem die Balance zwischen dynamisch und organisch klug gehalten.
Mit der erfolgreichen Verankerung von Bio in der EU und mit den Schweizer Direktzahlungen wuchs das Interesse bei den beiden Grossverteilern. Während Migros als eigentliche Pionierin im Alleingang scheiterte und erst ab 1996 wieder den An¬ schluss suchte, erklärte Coop ab 1994 die Knospe zum eigenen Fixstern und sich zum Schweizer Biogrossverteiler Nummer 1. Es folgte in den letzten zehn Jahren die bekannte und anhaltende Coop Naturaplan-Erfolgsgeschichte der Bio Suisse und von Bio in der Schweiz. Hartmut Vogtmann: «Anders als die Deutschen sind die Schweizer Bauern auch da viel pragmatischer vorgegangen. Die haben sich nicht wie die Deutschen gefragt, ob man den Grossverteilern trauen soll oder ob man nicht doch bei der Hofvermarktung bleiben will.»
Den Schweizer Biobauern sei es in diesen zehn Jahren auch besser als den konventionellen Kollegen gelungen, neue gesellschaftliche Forderungen nach artgerechter Tierhaltung oder neuen sozialen Normen rasch und flexibel aufzunehmen und in die Richtlinien einzubauen, ist Otto Schmid überzeugt: «Eine Flexibilität, die dann zu einer vollständigen Überregulierung geführt hat. Wer will heute schon neue Richtlinien? Vor 30 Jahren haben die Richtlinien die Gruppen zusammengeführt, heute entzweien sie. Die Richtlinien haben nicht mehr diese Identität stiftende Rolle. Es ist wohl an der Zeit, sich wieder gemeinsam auf die Grundprinzipien des Biolandbaus zu besinnen.» Hartmut Vogtmann: «In Europa werden die Richtlinien, die ja im Kern auf den von uns in der Schweiz ab 1976 entwickelten Richtlinien basieren, zu Regulationsreglementen für Importe. In Deutschland explodiert der Biomarkt, aber die einheimischen Bauern haben nichts davon. Es gibt kaum neue Umsteller. Betriebe steigen bei Bio aus oder machen ganz dicht. Aber Berge von Bio-Importware überall. Damit geht die Identität des Bioprodukts verloren. So kommt auch Bio von irgendwoher. Bio, das früher noch mit Gesichtern von Biobauern in Verbindung gebracht werden konnte.» Peter Lendi: «Eine Folge davon auch, dass die Produkte in den Supermarkt kommen. Dort werden sie anonym...» Hartmut Vogtmann: «... und austauschbar. Und das zum Nachteil der einheimischen Bauern. Die Authentizität geht verloren, die Saisonalität. Die Bioprodukte kommen jederzeit, mal aus Australien, dann aus Neuseeland, China oder Israel. Israel beispielsweise verkauft das Wasser, das es aus dem Jordan holt, als Gemüse in Deutschland oder in der Schweiz. Da sind 80 bis 90 Prozent Wasser drin. Das ist ein gigantischer Wassertransport mit Obst und Gemüse rund um die Welt. Und wir reden von einem Wasserproblem! Und Bio bei Lidl oder Aldi. Alle fahren die Ökoschiene. Und stapeln Bio-Austauschware. Sie entsprechen alle den EU-Richtlinien. Es profitiert kaum ein deutscher Biobauer davon. Es läuft jetzt bei Bio genau so wie im konventionellen Bereich.»
Dieser Trend sei viel dramatischer, als das Verfeinern oder Vergröbern der Bio-Richtlinien. «Hier komme ich dann mit dem Aspekt Naturschutz», spinnt Vogtmann den Faden munter weiter: «Der Naturschutz ist der natürlichste Verbündete für alle. Das müssen die Landwirte einsehen. Auch in der Schweiz. Will ich eine schöne Landschaft, sauberes Wasser, saubere Luft, dann passiert das an einem lokalen Ort. Landschaft kann nicht exportiert werden. Landschaft ist ein regionales und lokales Produkt. Sie ist authentisch. Wir müssen wieder das Produkt, das wir produzieren und konsumieren, in die Landschaft stellen, aus der es kommt. Anders funktioniert Naturschutz nicht. Ebensowenig wie Biolandbau.» Otto Schmid: «Wir sollten uns heute nicht nur mit einer ethischen Agrarpolitik, sondern mit einer ethischen Lebensmittelund Lebensraumpolitik beschäftigen. Meine Visionen sind Biooder Lebensraumregionen. Mit dem Biolandbau als Zugpferd einer erfolgreichen ländlichen Entwicklung. Denn Biolandbau schafft nachweislich 20 bis 40 Prozent mehr Arbeitsplätze als die konventionelle Landwirtschaft. In solchen Konzepten spielen die Regionen eine viel grössere Rolle als heute. Naturschutz, Tierschutz, Landschaftsschutz, sie haben doch alle das gleiche Ziel: eine lebenswerte Welt.» Dafür braucht es heute wieder wie 1976 neue Allianzen, wirft Hartmut Vogtmann ein. Michael Rist: «In diese Allianzen gehört heute auch die Alternativmedizin. Naturschutz klar, artgerechte Tierhaltung sowieso, artgerechter Pflanzenbau bitte, aber auch artgerechte Medizin, wenn sie so wollen. Wir müssen den Kreis viel weiter ziehen.» Er legt die Latte noch markant höher: «Wir kranken heute doch an der neuen Wirtschaftsunordnung, am Neoliberalismus. Wenn wir die Probleme wirklich auf die Hörner nehmen wollen, müssen wir eine neue Wirtschaftsweise aufbauen. Dafür ist der biologische Landbau eine ideale Keimzelle. Nur so kann der biologische Landbau überleben, seine echten Mehrwerte für die Gesellschaft müssen in der Gesellschaft selbst
Peter Lendi (rechts) und Werner Scheidegger hoffen auf Reaktionen der Regionen und Innovation vom FiBL. Die Runde ist sich einig.
Das muss aufhören, dass die Leute meinen, sie würden billig einkaufen und dabei eigentlich das Teuerste kaufen, nämlich das, was keinen Wert hat! Wir müssen die Konsumentinnen und Konsumenten vom Mehrwert eines Lebensraums mit Bio überzeugen. Wir brauchen sie als verständnisvolle Verbündete und Mitgestalter. Gründen wir mit ihnen doch ein neues wissenschaftliches Institut für artgerechte Tierhaltung, artgerechten Pflanzenbau, Naturschutz und alternative Medizin! Oder erweitern wir das FiBL um diesen Bereich.»
Michael Rist, Hartmut Vogtmann, Werner Scheidegger und auch Peter Lendi sehen im FiBL eine Plattform, auf der das neue Netzwerk der Verbündeten geknüpft werden sollte. Während die einzelnenRegionen in der Bio kultur und potitik Seite 25 Suisse für Bewegung hin zuneuen Visionen und Strategien sorgen müssten. Otto Schmid: «Letztlich geht es doch um einen gesellschaftlichen Mehrwert, den der Biolandbau erbringt. Wir vom FiBL müssen helfen, diesen Mehrwert und dessen Qualitäten sowohl bei den Produkten als auch in denProzessen zu dokumentieren und weiterzuentwickeln. Das ist unsere Kernkompetenz. Die Aufgabe der Bio Suisse wäre es, diesen Mehrwert aller Leistungen des Biolandbaus an die Konsumentinnen und Konsumenten, aber auch an die Politikerinnen zu kommunizieren. Das geht aber kaum mit banalen Werbespots und komischen Siloballen auf Plakaten. So lässt sich die emotionale Echtheit des Biolandbaus nicht vermitteln.» Es bedürfe dazu einer umfassenden Wissenschaftlichkeit, wie sie vom FiBL immer vertreten wurde, ergänzt Michael Rist. Peter Lendi: «Die Bio Suisse lebt von und mit den Regionen. Sie haben ein grosses Interesse daran, dass sich Bio in ihrer Region weiterentwickelt. Sie müssen dem Dachverband helfen. Sie können dagegen halten, wenn Bio Suisse langsam zu einem zweiten Bauernverband mutiert. Mit einem derart schweren Korsett, in dem sie sich kaum mehr bewegen kann. Es fehlt der Bio Suisse die Vision, wie es weitergehen soll. Wir müssen eine Strategie entwickeln, wie wir diese Visionen ausgestalten. Wie wir noch mehr Bauern zum Biolandbau bringen. Aber auch, wie der Biobauer oder die Biobäuerin wirtschaftlich überleben kann. Wie verhindern wir, dass sie nicht genauso wie die Konventionellen unter die Räder kommen? Wachsen um jeden Preis oder Dichtmachen? Vor diesem Entscheid stehen auch viele Biobauern. Die aktuelle Zentrifugalkraft darf nicht zu einer Zersplitterung dessen führen, was in den letzten 30 Jahren aufgebaut wurde.» Michael Rist: «Wir müssen individualisieren, das wären die Regionen. Wir müssen gleichzeitig universalisieren, das heisst die Zusammenarbeit fordern und neue Allianzen schmieden. Das geht einmal mehr nur auf freiwilliger Basis und vom FiBL moderiert. So ist die Bio Suisse entstanden. So wird sie wieder belebt. Sonst ist die Zentrifugalkraft zu gross. Und Bio noch zu klein.» Otto Schmid: «Wir müssen unser ethisches Fundament wieder gemeinsam aufbauen. Und das nicht nur für den Agrarbereich.» Michael Rist: «Sondern sozial und ökologisch!» Otto Schmid: «Genau: sozial, ökologisch und ökonomisch.» Beat Hugi