Bio-Forum (2003-1)
Am 22. April 2001 ist Martin Köchli als Nachfolger von Fritz Dähler zum Präsidenten des Bio-Forums Möschberg gewählt worden. Bis dahin war Martin den .alten' Möschbergern noch wenig bekannt. Im folgenden Gespräch, das ich als Geschäftsführer des Bio-Forums mit meinem ,Chef' geführt habe, lernen wir ihn und seine Anliegen an die Biolandwirtschaft und die Gesellschaftnäher kennen. Red.
Kultur und Politik: Martin, erzähle doch unseren Leserinnen und Lesern etwas über deinen Werdegang zum Biobauer. Martin Köchli: Der begann eigentlich früh. Da war in früher Jugend die Art des Umgangs meiner Eltern mit Tieren und Pflanzen. Diese hatten als Geschöpfe Gottes eine Würde, waren nicht allein Wirtschaftsfaktor. Dann kamen in der landwirtschaftlichen Schule hitzige Diskussionen über die Ausrichtung der Landwirtschaft und schliesslich ein Einsatz in einem Entwicklungsprojekt in Afrika; Dinge die mir klarmachten: Der nachhaltigen Nutzung und Entwicklung menschlicher und natürlicher Ressourcen entspricht der Biolandbau am besten.
Kultur und Politik: Welche Art von Betrieb führst du? Martin Köchli: Ich bewirtschafte einen 17 ha-Betrieb in der Hügelzone in .Geschäftspartnerschaft' mit einem Nachbar, der vor fünf Drei Devisen für Martin Köchli: Nah an der Natur...
Jahren auf Bio umgestellt hat. Er melkt die beiden Kontingente (170'000 kg mit 31 Kühen; Nachzucht über Verträge), während wir uns auf Saisongemüse, Beeren und 1000 Legehennen konzentrieren. Dazu haben wir noch ein Dutzend Weidemastrinder und - als Freizeitangebot! - zwei Reitpferde, die ich als .abverheite Exemplare' erwarb. Arbeitszeit und Landflächen werden nach Bedarf auf die Betriebe aufgeteilt und verrechnet, der Fruchtfolgeplan und die Nährstoffbilanz werden für die Gesamtfläche von 37 ha erstellt.
Kultur und Politik: Als Neueinsteiger kann man dich heute nicht mehr betrachten. Welches sind deine wichtigsten Erfahrungen seit der Umstellung? Hat sich auch das Umfeld der Biobauern seither verändert? Martin Köchli: Bodengare und Ertragszuverlässigkeit haben sich in den nun fast 20 Jahren z.B. mit der Mistgabe über die Furche enorm verbessert. Auf den als Mähweide genutzten Grünflächen haben sich ertragsstabile Wiesenrispe/engl. Raigras/Weissklee-Bestände etabliert, die weniger erwünschten .Gewächsen' wie z.B. Blacken kaum eine Chance lassen. Es sei denn als Problemanzeiger. Dem .Umfeld' - du meinst wohl meine Nachbarn - bin ich immer mit einer an Unverfrorenheit grenzenden Offenheit begegnet. Es gab da zwar mal eine böse Verleumdungskampagne, die ich aber mit einer gut gepfefferten Glosse in einer Fastnachtszeitung parieren konnte. Ich habe damals Gratulationen von Leuten bekommen, von denen ich es zuletzt erwartet hätte. Dass gute Erträge mit dem richtigen Einsatz von Hofdünger möglich sind, beweisen inzwischen eine ganze Anzahl von Betrieben in meiner Umgebung, dem Freiamt. Es hat darunter auch recht prominente.
nah an den Kunden FORUM Möschberg Kultur und Politik: Für manche jüngere Biobauern hat der Möschberg einen typischen Stallgeruch. Das war wohl auch der Grund des Vorstosses von Progana bei der Aufnahme des Bio-Forums in die Bio Suisse: Vorurteile oder Angst vor ideologischer Vereinnahmung? Wie hast du uns, die ,alten' Möschberger, vor deiner Mitarbeit im Bio-Forum erlebt? Martin Köchli: Ich bin - vielleicht zum Glück - unvoreingenommen an den Möschberg geraten. Die Geschichte und die Bauernheimatbewegung waren mir unbekannt. Auf dem Möschberg verwurzelte Bauern haben mich aber mit ihrer Art und ihrer Praxis ohne dass sie davon wussten den letzten ,Kick' zur Umstellung auf Biolandbau gegeben. Vor allem waren das Samuel Vogel und Ruedi Lüscher in Kölliken. Da war Vorbild, nicht Vorschrift.
Kultur und Politik: Im Zweckartikel unserer Statuten steht u.a. der Passus: .wirtschaftliche, kulturelle und politische Erneuerung der Land- und Volkswirtschaft auf christlicher Grundlage'. Das tönt doch in den Ohren der meisten Zeitgenossen reichlich antiquiert. So dass mich einmal eine Seminarteilnehmerin ob sie denn dem fragte, auf Möschberg ein christliches Birchermüesli bekomme. zum Zmorge Sollten wir vielleicht diesen Passus besser aus den Statuten streichen? Martin Köchli: Beim ersten Studium der Statuten musste ich lachen. Da entdeckte ich Sätze, die auch in ,Rom' Papieren aus vorkommen. Also sind ,Päpste' überall anzutreffen! Die Frage ist wohl eher, wie mit ihnen man Das auch für umgeht. gilt Zweckartikel und Statuten. Im ist meines Erachtens übrigen es durchaus christliches' Verdienst, dass und ,Stallgeruch' .Weih¬ rauch' zusammen gehören, dass jedem Wesen Würde zusteht.
Kultur und Politik: Das du sagst als praktizierender Katholik? Aber wir Protestanten... Martin Köchli: ...habt immerhin mal gehörig aufgeräumt mit teilweise absurden bis abscheulichen Verdrehungen der christ¬ und, früher geübt: Hindernisse kann man überwinden!
lichen Botschaft. Es gehört wohl zum Erbe dieser Welt, dass bestehende Strukturen .verholzen', starr und stur werden. Dann braucht es die Protestanten' und ,Reformierer'. Die Kunst ist wohl auch da, das Kind nicht mit dem schmutzigen Badewasser auszuschütten; sprich die Feierlichkeit, der Symbolreichtum, das Geheimnis der Gnade der katholischen Tradition könnten aufs bäuerliche Leben durchaus bereichernd wirken. Und erlösend im gehörig verkrampften Verhältnis Wirtschaftlichkeit. zur Im Mit dem lieben übrigen gilt: Gott und mit der Frau eigenen (und dem eigenen Mann natürlich auch) auch streiten muss man können. Allzu grosse Verehrung kippt ins gern Gegenteil, und Beziehungsfähigkeit hat wesentlich mit Konfliktfähigkeit zu tun.
Kultur und Politik: Wo möchtest du in den nächsten Jahren die Schwerpunkte der Vereinsarbeit setzen? Martin Köchli: Die rein fachtechnische Aus- und Weiterbildung der Bäuerinnen und Bauern hat auch im Biobereich menschliche Defizite. Ethische und soziale sind Kompetenz genau so wichtig wie die fachliche.
Damit Entwicklung nach wirklich menschlichen Bedingungen möglich ist. Dieses Defizit möchte ich - mit den vereinten Kräften des Möschberg - auffüllen helfen und mit Bildungs- und Freizeitangeboten einladend und ansteckend auch den menschlichen Ressourcen Sorge tragen.
Kultur und Politik: Das sind hohe Ziele. Kannst du noch den skizzieren, der dorthin Weg führt? Martin Köchli: Der ist Weg ja eigentlich angefangen. Trotz Turbulenzen und Schwierigkeiten den hat sich eine um Möschberg bei uns und Grundausrichtung Partnern in der unseren Bioszene etablieren können. Der kann die Möschberg Aufgabe wahrnehmen, dass der Biolandbau nicht eine mit nur politischem und wirtschaftlichem Druck herbeireglementierte Sache sondern eine ist, von getragene Einstellung. Menschen Damit Motivation ist, nicht nur Vorschrift, Ehrlichkeit, nicht nur Kontrolle und nicht Würde, nur Bürde.
Kultur und Politik: Wenn du für das Jahr drei Wünsche neue frei hättest, wie würden sie lauten für unsern Verein, für den Biolandbau und die für ganze Gesellschaft? Martin Köchli: Unserem Verein wünsche ich, dass er sich bewusst ist, Tradition heisst ein Feuer hüten, nicht Asche aufbewahren. Dem Biolandbau, dass er weiterhin so etwas wie eine ansteckende Gesundheit im Land verbreiten kann und der Gesellschaft, dass sie sich von dieser Gesundheit gehörig anstecken lässt.
In eigener Sache Erneuerung von Abonnement und Mitgliedschaft Kürzlich sind die Rechnungen für die Erneuerung des Abonnements auf .Kultur und Politik' und die Mitgliedschaft beim BioForum Möschberg verschickt worden. Wir sind Ihnen dankbar, wenn Sie den dort beigelegten Einzahlungsschein im Lauf des Monats Januar benützen.
Wir betreten Neuland «Vorwärts zu den Wurzeln» nennen wir unser Projekt «Biolandbau hautnah erlebt», das wir in der letzten Nummer vorgestellt haben und mit dem wir in diesem Jahr Brücken zu Multiplikatoren in den der Landwirtschaft nachgelagerten Branchen und in Lehrberufen schlagen wollen. Trotz massgeblicher Mitfinanzierung des Projekts durch das BLW und die Bio Suisse sind wir zusätzlich auf Spenden angewiesen, damit dieser Pilotversuch gelingt. Es hilft nichts, wenn wir Bauern in der Öffentlichkeit über unser Schicksal klagen. Wenn wir die Ärmel hochkrempeln und auf unsere Partner in Handel, Verarbeitung und Konsumentenschaft zugehen und ihnen den Wert unserer Arbeit zeigen und verständlich machen, ist allen geholfen. Aber die Zielgruppen erfahren nichts von unserm guten Willen, wenn davon nur in unserem kleinen Heft geschrieben steht. Und Kommunikation ist heute in der Regel nicht gratis zuhaben. Deshalb unsere Bitte um Aufrundung des Abonnement- und Mitgliederbeitrages. Herzlichen Dank allen, die uns auf diese Weise die Arbeit erleichtern helfen. Danken möchten wir aber auch all jenen, die uns bereits im vergangenen Jahr mit einem zusätzlichen Beitrag unterstützt haben. Ohne diese Hilfe wären ein Grossanlass wie der Auftritt an der Expo.02 oder die Durchführung eines BioGipfels am Bio-Marché in Zofingen nicht möglich gewesen. Bio-Forum Möschberg